Martin Kluger - Die Gehilfin

Originaltitel: Die Gehilfin
Roman. Diana Verlag 2007
431 Seiten, ISBN: 3453811224

Wer Henrietta Mahlows Mutter nicht so früh gestoreben - ihr Vater hätte wohl weiter Möbel gezimmert anstatt alles zu trinken, was es zu trinken gab, und wäre nicht das Faktotum der Berliner Charité geworden. Zu dieser Zeit, Mitte des 19. Jahrhunderts, hatten sich dort kluge Köpfe versammelt, man forschte, Virchow hatte gerade seine große Zellular-Forschung veröffentlicht und damit großen Ruhm erlangt. Und Henrietta? Die war als Tochter des Faktotums überall am Gelände der Charité, durfte Virchow Onkel Rudi nennen und bekam von ihm Zellproben im Mikroskop gezeigt.

Ihr hungriger Geist erhält hier Nahrung; auch, als sie älter wird, hat sie noch ungehindert Zugang zu den Laboren, sieht den Konkurrenzkampf mit Robert Koch, der ebenfalls hier an der Virchow versucht Krankheitserreger zu isolieren, und der dazu Leichen braucht, die er von Virchow nicht erhält. Für Henriettas Vater ist es ein lukratives Nebengeschäft, den Forscher heimlich mit entsprechendem Material zu versorgen, doch als Virchow dahinterkommt, ist es mit der Stellung als Faktotum erstmal vorbei, das große Zerwürfnis zwischen Koch und Virchow zieht Kreise, und immer noch hält Henrietta sich hauptsächlich im Labor auf.

Sie ist es auch, die Koch dann am Weihnachtsabend den entscheidenden Tipp gibt, woraufhin die eine Probe endlich den gewünschten Wert liefert. Ein Glückstreffer, glauben alle, dass sie sich schon lange intensiv mit dem beschäftigt, was hier geforscht wird, wird gar nicht erst wahrgenommen Wie denn auch? Sie ist doch nur ein Mädchen, eine junge Frau, und als sie es wagt, nach einer Ausbildung zu fragen, wird ihr nur die Schwesternschule zugestanden.

Wie soll man, wenn man in der Bibliothek haust und nachts versucht, durch Studium der Bücher alleine zu verstehen, und tagsüber putzt und arbeitet, um zu überleben, wie soll man da also noch Freunde gewinnen, außer denen am Institut natürlich? Und doch passiert es, Julia ist die Tochter eines reichen Mannes, liebt die Kunst, ist von ihrer Freundin fazsiniert, und wird sie am Ende doch nicht verstehen und verraten.

Auch die Liebe kommt, ganz nebenbei, und geht dann wieder, geheiratet wird ein anderer Mann, aber irgendwie muss man doch überleben? Immer aber bleibt der Geist hungrig. Dass Henrietta dann aber wagt, sich als junger Mann verkleidet als Student zu inskribieren, wird sie aus der Gesellschaft verstoßen…

Das Thema dieses Romans hatte mich, als ich davon gehört hatte, sofort interessiert: Eine Zeit, in der so viele Forschungen stattfanden, in der permanent Neues in der Luft zu liegen schien, in der sich gesellschaftliche Umbrüche ankündigten - und dazu eine junge Frau, die dabei mitmischen will. Und immer dann, wenn von der Forschung oder auch vom Konflikt zwischen Virchow und Koch die Rede war, fand ich das Buch auch interessant; insgesamt aber hatte ich an der Lektüre nicht so viel Freude wie erhofft.

Das lag vor allem am Stil. Lange Passagen mit vielen Dialogen, die allerdings die eigentliche Information dann doch nur zwischen den Zeilen transportierte, dazu ein allgemeiner Eindruck von durch die Sprache ausgedrückte Geschwindigkeit, von einem permanenten Strudel, der vor allem auch Henrietta immer wieder erfasst, die dann auch noch laufend mit der toten Mutter kommuniziert - das hat mich leider überhaupt nicht angesprochen. Mir kam es vor, als wollte der Autor sich durch dieses Stilmittel vor allem von den klassischen historischen Romanen abgrenzen; mir bereitet es beim Lesen Unbehagen.

Martin Kluger

Der gebürtige Berliner Martin Kluger (1948) arbeitete als literarischer Übersetzer, Werbetexter und Universitätsdozent, ehe er sich mit dem Schreiben von Filmdrehbüchern wie "Rama Dama" und "Felidae" einen Namen machte. Privat pendelt er zwischen Berlin und Montevideo.

Auszug aus dem Titelverzeichnis / Rezensionen zu weiteren Büchern:


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