Jan Böttcher - Nachglühen

Originaltitel: Nachglühen
Roman. Rowohlt Verlag 2008
240 Seiten, ISBN: 3871346098

Fast 20 Jahre nach der Wende keht Jens Lewin mit seiner Frau zurück in das kleine Dorf an der Elbe, in dem er aufwuchs. Damals Sperrgebiet, gehört Stolpau nun wieder zu Niedersachsen; doch auch heute noch gibt es keine Brücke über die Elbe, sondern nur eine Fähre. Gemeinsam mit seiner Frau Anne übernimmt Jens den Deichkrug, das Gasthaus seiner Eltern.

Doch obwohl Jens alles erneuert hat, architektonisch Offenheit und Licht in die Räumlichkeiten gebracht hat, bleibt etwas Düsteres über diesem Neuanfang; etwas, das zu tun hat mit seiner Vergangenheit, mit seiner Jugend hier im Dorf, über die er mit Anne nie gesprochen hatte.

Es gibt ein Zerwürfnis mit dem Nachbarn, mit Brüggemann, das bleibt selbst Anne nicht verborgen; vor allem Jo, Brüggemanns Sohn, der in Hamburg lebt, scheint irgendiene Verbindung zu Jens zu haben, über die niemand hier spricht.

Jens durchlebt sie noch einmal, jene Zeit seiner Jugend, als er Science Fiction für sich entdeckte, als er sich mit dem Sonderling Petr Jablonski anfreundete, einem Künstler, der heute zu Ruhm und Ansehen gekommen ist, damals aber mehr schlecht als recht in einem Schuppen am Rande des Dorfs hauste. Von Petr erfährt er von der Chronik des Dorfs, von den Zwangsumsiedlungen, dem Grund dafür, warum es hier im Dorf nur einen Zaun gibt, von der Linientreue der Nachbarn.

Und während Anne und er sich zunehmend entfremden, Jo und Anne sich annähern, erfährt man ganz beiläufig auch, was eigentlich vorgefallen war zwischen Jo Brüggemann und Jens…

Mein Eindruck von diesem Roman ist leider etwas zwiespältig. Einerseits fand ich die Thematik sehr interessant, wie es sein kann, nach vielen Jahren der Abwesenheit an den Ort der Kindheit und Jugend zurückzukehren, vor allem, wenn dieser Ort mit so vielen nicht erzählten Geschichten behaftet ist. Dazu aber kommt noch die Aufarbeitung der DDR-Vergangenheit in diesem speziellen Dorf im Sperrgebiet, was das Leben ja ohnehin massiv beeinträchtigt hatte; und gerade auch die Geschichte des Dorfs, von Jablonski erzählt, oder die kleinen geschilderten Details (wie das Verbot, hier im Grenzgebiet eine Leiter zu haben, bzw. die Häuser nur durch den Hintereingang betreten zu dürfen, weil der Haupteingang ja nach vorne, zum Deich hin und damit zur Grenze hin gewesen wäre) haben mir ausgesprochen gut gefallen. Im Einflechten dieser Details, auch im Schildern des Alltags der Dorfbewohner fast 20 Jahre später hat der Autor mich wunderbar auf eine Reise mitgenommen. Es ist ihm hervorragend gelungen, einen Menschentypus zu beschreiben, der hier in diesem Sperrgebiet leben konnte, diese Linientreue und Spitzeltätigkeit auch heute noch nachwirken zu lassen.

Dagegen blieb die eigentliche Handlung des kurzen Romans und die Art und Weise, wie die Rückblenden angeregt wurden, für mich eher blass. Es schien mir, als hätte der Autor es vor lauter Atmosphäre schaffen dann nicht mehr gewusst, wie er das auch noch lösen sollte, und daher auch immer wieder zu Marihuana- oder Fieberträumen gegriffen, um weiterzukommen. Nebengeschichten wie die der jungen Pflegerin Laura, die plötzlich auftaucht, oder auch das Verhältnis zwischen Jens, Anne und Jo, bekamen wenig Substanz in diesem Geschehen.

Ein guter Ansatz, interessante Aspekte, ein Buch, das ich großteils auch sehr gerne gelesen habe - das aber dennoch hinter meinen Erwartungen zurückblieb.

Jan Böttcher

1973 in Lüneburg geboren, hat deutsche und skandinavische Literatur studiert. Er lebt als Autor, Singer/Songwriter und Veranstalter von Lesereihen in Berlin. Seit zehn Jahren singt und textet er für seine Band "Herr Nilson". 2003 erschien sein literarisches Debüt "Lina oder: Das kalte Moor", 2006 der Roman "Geld oder Leben". Mit der aus dem Stoff von "Nachglühen" hervorgegangenen Erzählung "Freundwärts" gewann Jan Böttcher beim Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb 2007 den Ernst-Willner-Preis.

Auszug aus dem Titelverzeichnis / Rezensionen zu weiteren Büchern:


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