Martin Suter - Der letzte Weynfeldt

Originaltitel: Der letzte Weynfeldt
Roman. Diogenes 2008
314 Seiten, ISBN: 3257066309

Er ist Mitte fünfzig, Junggeselle, wohlhabend (wenn nicht sogar reich), und Kunstliebhaber. Ein Lebemann also? Nein, das ist Adrian Weynfeldt nicht wirklich. Ja, er bewohnt diese riesige Wohnung mitten in Zürich, in einem Haus, das ihm gehört, oberhalb einer Bank (wodurch das Haus auch noch mit neuesten Sicherheitsmaßnahmen ausgestattet ist). Ja, er trägt nur maßgeschneiderte Anzüge, hat eine Haushälterin, die nebenbei auch noch vorzüglich kochen kann. Und nochmals ja, er verkehrt auch in einem Kreis junger Künstler (oder Menschen, die es zumindest gerne wären) und unterstützt sie immer mal wieder mehr oder weniger diskret mit dem, wovon er nunmal genügend hat: mit Geld.

Aber dass er deswegen ein Szenetyp wäre, der auf allen Gesellschaften zu sehen ist, und vor allem: dass er seinen Wohlstand ausnutzen würde, um seine Anziehungskraft auf Frauen zu verstärken, das kann man wirklich nicht von ihm behaupten.

Nicht nur der Barkeeper seiner Stammbar ist deshalb verblüfft, als er eines Abends die - offensichtlich schon leicht angetrunkene - Lorena mit nach Hause nimmt. Weynfeldt war einer Regung gefolgt, die seiner Vergangenheit entsprang: denn Lorena sah genau so aus, wie die eine Frau, die er in jungen Jahren wirklich und von Herzen liebte, und die er nicht zu halten vermochte. Kurz darauf war sie bei einem Unfall ums Leben gekommen - keine Chance also, das Versäumte noch zu berichtigen. Aber nun war da Lorena, älter als die Frau damals, wohl schon Mitte bis Ende dreißig, und auch … ja, doch auch billiger.

Und diese Frau also sah Weynfeldt am Morgen danach beinahe nackt auf seiner Balkonbrüstung, bereit zu springen.

Noch einmal würde er den Fehler nicht machen, jemanden zu verlieren; er konnte sie überreden, zu bleiben. Noch zu frühstücken. Und dann - war sie weg. Ohne auch nur ihre Telefonnummer zu hinterlassen. Und sich wenige Tage später bei ihm zu melden, als sie sich in einer sehr teuren Boutique in Schwierigkeiten gebracht hatte - damit er ihre Rechnungen bezahle.

Auf ganz altmodische Weise verliebte sich Weynfeldt in Lorena, wohl wissend, dass er ausgenommen wurde, dass sie ihre Spielchen mit ihm trieb. Dass sie sich mit seinen Künstlerfreunden sofort gut verstehen würde, freute ihn erst nur; dass er dadurch nun auch erfahren musste, was man wirklich von ihm hielt, welche Funktion er in diesem Kreis nur genoss, das dauerte seine Zeit…

Wer vom "letzten Weynfeldt" erwartet, wieder ein ähnlich vielschichtiges Buch wie "Small World" zu lesen, wird wahrscheinlich enttäuscht sein; nach den ersten wirklich guten Büchern hat Martin Suter sich verstärkt in Richtung Unterhaltung entwickelt. Und unterhaltsam ist er, dieser Roman - wobei mir besonders gut gefallen hat, wie Weynfeldts bisher so wohl eingerichtete Welt zu bröckeln anfängt und er erkennen muss, dass dahinter schon lange einiges faul war.

Dass die Handlung in vieler Hinsicht an den Haaren herbeigezogen ist, dass der Schluss für meine Begriffe zu süßlich ausfällt - damit sollte man als Leser lieber rechnen, wenn man nicht enttäuscht werden will. Ein Buch zum schnell lesen, unterhalten - und wieder vergessen.

Martin Suter

Martin Suter wurde 1948 in Zürich geboren. Er lebt mit seiner Frau in Spanien und Guatemala. Er war Werbetexter und erfolgreicher Werber, ein Beruf, den er immer wieder durch andere Schreibtätigkeiten ergänzt oder unterbrochen hat. Unter anderem für GEO-Reportagen, zahlreiche Drehbücher für Film und Fernsehen. Seit 1991 lebt er als freier Autor, seit 1992 schreibt er die wöchentliche Kolumne "Business Class" in der Weltwoche.

Auszug aus dem Titelverzeichnis / Rezensionen zu weiteren Büchern:


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