Stieg Larsson - Verblendung

Originaltitel: Män som hatar kvinnor
Krimi. Heyne Verlag 2007
688 Seiten, ISBN: 3453432452

Bislang genoss der Wirtschaftsjournalist Mikael Blomkvist einen ausgezeichneten Ruf. Bis - ja, bis er sich nun in der unangenehmen Situation wiederfand, dass er seine Anschuldigungen gegen einen mächtigen und populären Mann, Wennerström, vor Gericht beglaubigen sollte - und es nicht konnte. Eine rechtskräftige Verurteilung, ja, sogar eine Gefängnisstrafe hatte er nun abzuleisten; eine Situation, die ihn auch wirtschaftlich in eine schwierige Situation brachte.

Immerhin war er seit einigen Jahren Mitherausgeber eines kleinen, aber in Insiderkreisen sehr geachteten Magazins, dessen Glaubwürdigkeit nun mit der seinen schwand. Die Entscheidung, sich aus der Führung zumindest solange zurückzuziehen, bis die Wogen sich geglättet hätten war daher nur folgerichtig - wenn auch mit seiner langjährigen Freundin und Mitherausgeberin Erika Berger lange diskutiert.

Dass Mikael nun ausgerechnet in dieser für ihn kritischen Situation vom Firmenmogul Henrik Vanger die Anfrage erhielt, dessen Biographie zu schreiben und dabei, wenn möglich, auch das Verschwinden seiner Lieblingsenkelin vor über 40 Jahren aufzuklären, erscheint ihm anfangs höchst rätselhaft. Doch Vanger weiß, wie er seine Ziele erreicht; sein Angebot ist nicht nur finanziell ausgesprochen lukrativ, er verspricht Mikael auch, ihm nach Erfüllung dieses Auftrags unwiderlegbares Material zur Verfügung zu stellen, mit dem er Wennerström erneut einen Strich durch die Rechnung machen kann.

Und damit hat Vanger Mikaels wunden Punkt gefunden; dass er, der sich stets nur auf belegbare Fakten stützt, in diesem Fall so manipuliert wurde, dass da irgendwo jemand die Fäden in die richtige Richtung zog, widerstrebt auch seinem innersten Gerechtigkeitsempfinden.

So zieht er dann für einige Zeit zu Vanger in den Norden, wühlt sich durch dessen Unterlagen, hört dem alten Mann zu, wenn er von seinem Imperium berichtet - und lässt sich ganz gegen seinen Willen auch auf die Suche nach der vermissten Enkeltochter ein, deren Verbleib nun auch ihn zu interessieren beginnt.

Ein Mensch wie Vanger beauftragt nicht jemanden mit einer solchen Aufgabe, ohne zuvor selbst gründliche Recherchen angestellt zu haben. Er hatte sich dazu eines Unternehmens bedient, für das Lisbet Salander tätig war; eine junge Frau, der man die Aufgabe, alles über einen Menschen herauszufinden aufgrund ihrer Vergangenheit und ihres Aussehens nie zutrauen würde. Lisbet ist eine Hackerin, arbeitet nur nach eigenem Gewissen, und misstraut (aus gutem Grund) prinzipiell so ziemlich jedem.

Vanders Fall führt Mikael und Lisbet zusammen - und so unglaublich das sowohl für den Leser als auch in der Romanhandlung für die beiden selbst das klingt: sie werden ein sehr schlagkräftiges Team, so etwas wie Freunde, vielleicht sogar Liebende - eine sehr fragile Verbindung.

Mit Lisbets Hilfe gelingt es, Beweise zu sammeln gegen Wennerström; und diese Wirtschaftsgeschichte, dieser große Betrug, den die beiden hier aufdecken, las sich unglaublich spannend.

Mir hätte dieser Teil der Handlung als Spannungsbogen durchaus gereicht. Aber da gibt es ja auch noch die verschwundene Enkelin. Auch die Aufklärung dieses Erzählstrangs ist spannend, keine Frage, und die Auflösung auch plausibel. Und trotzdem: auch wenn hier viele Elemente reinspielten, die gesellschaftliche Strömungen in Schweden, gerade auch nationalsozialistische, sehr gut dokumentieren, es gab dem Krimi für mich etwas zu Reißerisches, zu anbiederndes an die Massen, die von einem Krimi nun mal auch Tote erwarten.

Dennoch: ausgesprochen gelungen, und ich bin schon sehr gespannt auf den zweiten Teil!

Stieg Larsson

Stieg Larsson war Journalist und Herausgeber des Magazins EXPO. 2004 starb er an den Folgen eines Herzinfarkts. Er galt als einer der weltweit führenden Experten für Rechtsextremismus und Neonazismus.

Auszug aus dem Titelverzeichnis / Rezensionen zu weiteren Büchern:


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