Katja Lange-Müller - Böse Schafe

Originaltitel: Böse Schafe
Roman. Kiepenheuer & Witsch 2007
205 Seiten, ISBN: 3462039148

Schon von der ersten Begegnung an ist Soya von Harry fasziniert; eine Zufallsbegegnung auf der Straße, fortgesetzt in einer Kneipe, da war Harry noch mit einem Freund unterwegs, und warum Soya die Beiden dann zu sich nach Hause zum Essen einlud, schwer nachzuvollziehen.

Soya war aus der DDR nach Westberlin geflüchtet. Harry, das wird ihr bald klar, hat eine schwierige Vergangenheit. Und doch lässt sie sich auf ihn ein, auf ihn, der so anders ist, der stundenlang stumm neben ihr liegen kann, ohne wie andere Männer nur mit ihr schlafen zu wollen.

Und auch dann noch, als sie erfährt, dass Harrys Bewährung auf dem Spiel steht, wenn er nicht an einem Drogenprogramm teilnimmt, unterstützt sie ihn, organisiert die nötigen Helfer für ihn, der bei alldem so unverbindlich bleibt. Selbst Harrys AIDS-Erkrankung, nach der sich die neugewonnen Freunde fast alle rasch zurückziehen, kann sie nicht schrecken.

Sie reibt sich auf für diesen Mann, der ihr immer nur einen kleinen Teil dessen gibt, was sie braucht; lange braucht sie, um sich zumindest teilweise von ihm lösen zu können, zu versuchen, ein eigenens Leben zu leben.

Und nun, nach seinem Tod, hält sie sein Tagebuch aus jener Zeit in den Händen; ein Tagebuch, in dem sie noch nicht einmal vorkommt…

Die Atmosphäre dieses Romans, die düstere Tristesse der Berliner Vorwendejahre, Protagonisten, die sich treiben lassen, die Zuflucht in Alkohol und Drogen suchen - das alles ist nicht meine Welt. Und obwohl Katja Lange-Müller diese Welt wirklich großartig beschrieben hat, man sich als Leser hineingezogen fühlt, und zwischen den Zeilen sehr viele Stimmungen transportiert, blieb meine persönliche Schranke erhalten.

Was Soya wirklich an Harry findet, warum sie sich so an ihn hängt, bleibt ein Rätsel. Und das ist widerum auch das Schöne an diesem Roman: es gibt Dinge, die passieren einfach, auch wenn sie nicht logisch erklärbar sind. Das kann man so stehen lassen - und das gelingt der Autorin in diesem Buch ausgezeichnet.

Katja Lange-Müller

Geboren 1951 in Ostberlin, lebt als freie Schriftstellerin in Berlin. 1986 erhielt sie den Ingeborg BachmannPreis 1995 den Alfred-Döblin-Preis für ihre zweiteilige Erzählung "Verfrühte Tierliebe", 2002 den Preis des ZDF, des Senders 3sat und der Stadt Mainz und 2005 den Kasseler Literaturpreis für grotesken Humor.

Auszug aus dem Titelverzeichnis / Rezensionen zu weiteren Büchern:

  • Die letzten Aufzeichnungen aus Udo Posbichs Druckerei
  • Böse Schafe

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