Julia Franck - Die Mittagsfrau

Originaltitel: Die Mittagsfrau
Roman. S. Fischer Verlag 2007
432 Seiten, ISBN: 3100226003

Es sind die letzten Kriegstage, nur wenige Züge fahren noch Richtung Westen; und in einem dieser letzten Züge sind auch Peter und seine Mutter Alice. An ihrem Umsteigebahnhof bricht Alice auf, um etwas zu Essen zu besorgen - sagt sie. Und verbietet Peter, mitzukommen. Hier, auf dieser Bank solle er sitzen bleiben, bis sie wieder komme, und auf den Koffer aufpassen. Doch sie kam nicht wieder…

Soweit der Einstieg in diesem Roman. Kehren wir im nächsten Kapitel zurück zur Kindheit von Alice, die plötzlich Helene heißt, eine fast 10 Jahre ältere Schwester, Martha, hat, eine wunderliche Mutter, die ihre totgeborenen Söhne beklagt, und einen Vater, der in den (1. Welt-)Krieg muss. Es ist eine etwas sonderbare Kindheit; die Mutter ist in Bautzen fremd geblieben, es gibt ein Geheimnis um ihre Herkunft, es hat etwas mit Religion zu tun, sehr viel mehr weiß Helene nicht. Ihr Vorbild, ihr Herzensmensch ist die ältere Schwester, Martha; das höchste Glück ist es, Martha nachts im Bett so streicheln zu dürfen, dass diese schneller zu atmen beginnt und einen gelösten Gesichtsausdruck bekommt. Helene ist eine gute Schülerin, schon längst führt sie die Bücher in der Druckerei des Vaters, und insgeheim hofft sie, vielleicht wirklich eines Tages studieren gehen zu können. So wie auch Martha hofft, die als Schwesternschülerin erfolgreich ist. Der Vater kehrt aus dem Krieg zurück, ist jedoch so verwundet, dass er kurz darauf stirbt; und nun, in Zeiten der Inflation, lastet es immer mehr auf den Schwestern, das nötigste zum Leben zu beschaffen. Den Traum vom Studium können sie begraben, die Mutter würde sie nie unterstützen; und als Leontine, Marthas Freundin, aufbricht, zerbricht etwas in Martha. Immer häufiger greift sie nun zu den Ampullen, auf die sie im Krankenhaus Zutritt hat, und die Helene unschwer als Morphium erkennt.

Erst duch die Todesanzeigen erhalten die Schwestern Kontakt zu ihrer Tante, einer wohlhabenden Frau in Berlin, die die Schwestern zu sich einlädt - und so bald sich die Gelegenheit bietet, brechen die beiden auf, lassen ihre immer verrücktere Mutter in der Obhut des Hausmädchens zurück.

In Berlin erwartet sie ein ganz anderes Leben. Zwar gestaltet sich die Arbeitssuche nicht so einfach wie gedacht; doch Tante Fanny führt ein offenes Haus, man besucht Gesellschaften, feiert, und dank Helenes neuer Tätigkeit in einer Apotheke lässt sich auch immer wieder diskret ein Weg finden, die Morphiumsucht zu befriedigen. Es ist eine wilde Zeit in Berlin; Leontine, wiewohl verheiratet, lebt ihre Beziehung zu Martha nun offen aus, es wird gelebt, gefeiert, und auch Helene verliebt sich, lebt sogar mit diesem jungen Studenten zusammen. Eine der berührendsten Szenen des Buches war für mich, als Helenes Traum vom Glück mit Carl zerplatzt wie eine Seifenblase und sie nur noch als funktionierende Hülle zurückbleibt.

Doch auch in ihrem jetzigen, apathischen Zustand zieht sie Interesse auf sich: das des ehrgeizigen Wilhelm, der ihr erzählt von Plänen und Autobahnen und Aufrüstung - und der sie, obwohl er den Makel ihrer Herkunft erfährt, doch heiraten will, ihr dafür sogar falsche Papiere verschafft. Dass er sich dann trotzdem betrogen fühlt liegt also nicht an ihrer jüdischen Herkunft, obwohl das für einen Mann seiner Position kritisch werden kann; nein, ihre fehlende Unschuld ist es, die ihn erzürnt, die die Ehe zum scheitern bringt. Das Kind, das dieser Ehe entspringt, ist von beiden nicht gewollt, nicht geplant…

Die Grundidee dieses Romans, gerade die Ausgangssituation, hat mich sehr angesprochen. Doch gerade im dann folgenden Teil, der Helenes Kindheit beschreibt, war ich häufig versucht, das Buch endgültig beiseite zu legen. Francks Sprache wird hier als sehr poetisch geschildert; mir persönlich war sie deutlich ZU poetisch, zu blumig und vom Tonfall auch von einer Sinnlichkeit, die mich eher abgestoßen hat. Dieses fast inzestuöse Schwesternverhältnis zum Beispiel, dazu die verrückte Mutter und das superintelligente Kind… nein, das konnte mich nicht locken.

Wirklicher Lichtblick war für mich, wie schon erwähnt, die Trauer, die auf Carls Tod folgte; denn hier hatte ich das erste Mal das Gefühl, wirklich nah dran zu sein an dieser Figur.

Die Ehe mit Wilhelm dann dagegen entsprach für mich schon wieder sehr dem Klischee.

Auch wenn dieses Buch mit dem Deutschen Buchpreis 2007 ausgezeichnet wurde, auch wenn gerade die Teile, die mir überhaupt nicht gefielen, von den Kritikern gelobt wurden - ich kann das Buch aus meiner Leseerfahrung heraus eigentlich nicht weiterempfehlen.

Julia Franck

Julia Franck, geboren 1970 in Berlin (Ost), gilt als eine der talentiertesten jungen Schriftstellerinnen. 1995 Preisträgerin des "Open Mike" der LiteraturWERKstatt Berlin, 1998 Alfred-Döblin-Stipendium, 2000 in Klagenfurt ausgezeichnet mit dem 3-Sat-Preis, 2007 den Deutschen Buchpreis für "Die Mittagsfrau". Sie lebt mit ihren beiden Kindern in Berlin

Auszug aus dem Titelverzeichnis / Rezensionen zu weiteren Büchern:


Neues aus dem LESELUST-Blog

Claude Lanzmann - Der patagonische Hase. Erinnerungen

Claude Lanzmann ist der Mann, der den Film "Shoah" geschaffen hat. Er hat als Filmemacher, Journalist, Lektor gearbeitet, sich schon in der Jugend in der Resistance organisiert, mit Simone de Beauvoir zusammengelebt, Angelika Schrobsdorff geheiratet… kurzum: ein ausgesprochen ereignisreiches Leben gelebt, von dem er in diesem Buch erzählt. Ein Zeitzeugnis, fürwahr - manchmal zwar aufgrund der Eitelkeit des Autors nur schwer erträglich, aber die letzten 200 Seiten, in denen er von der Enstehung seines Hauptwerks berichtet, lassen alle vorherigen Kritikpunkte zurücktreten. [..MEHR..]

Link zum Diskussionsforum

©17.02.2008 Daniela Brezing - - - Impressum - - - © 1998-2013 LESELUST Daniela & Markus Brezing