Originaltitel: Partitur des Todes
Krimi. Rowohlt Verlag 2008
472 Seiten, ISBN: 3805208391
Georges Hofmann war ein Kind, als er von seinen Eltern eines abends zu den Nachbarn geschickt wurde - um dann dort aus dem Fenster die Abreise seiner Eltern beobachten zu müssen. Keine freiwillige Abreise, versteht sich, sondern mit einem Judentransport. Freunde des Vaters hatten ihn nach Frankreich in Sicherheit gebracht, er hatte den Krieg weitgehend unbeschadet überlebt, in Paris lange Jahre ein Revuetheater betrieben und den Gedanken an seine Vergangenheit weit fortgedrängt.
Im Rahmen einer Fernsehserie wurde nun in der letzten Zeit viel über seinen Alltag gedreht, er hatte sich mit der Journalistin, Valerie, angefreundet und so weit Vertrauen zu ihr gefasst, dass er beim abschließenden Live-Interview im Fernsehen davon berichtete, wie er seine Kindheit erlebt hatte.
Mit dem daraus resultierenden Echo hätte er niemals gerechnet. Vor allem aber meldete sich eine Frau, die ihm einen Briefumschlag übergeben wollte - einen Umschlag, der bereits seit knapp 60 Jahren auf ihn wartete. Ein letzter Brief seines Vaters…
Die ehrgeizige Journalistin witterte eine große Geschichte und erreichte, bei der Übergabe des Dokuments mit Fernsehteam dabeizusein - eines Dokumentes, das sich bald als eine unbekannte Offenbach-Oper, eine Original-Partitur, herausstellte. Eine Sensation in der Musikwelt - und Georges fühlt sich von den vielen Anfragen, diese Oper betreffend, regelrecht überfordert. Nur zu gern gesteht er Valerie zu, sich um den Verkauf der Rechte zu kümmern. Und so bricht die junge Frau auf nach Frankfurt…
In Frankfurt hat man, zumindest in Polizeidienstkreisen, von dieser Sensation in der Musikwelt nichts mitbekommen. Hier werden gerade ganz andere Sachen thematisiert: die neue Chefin der Abteilung zum Beispiel, die ziemlich ungewöhnliche Kommunikationswege beschreitet. Und speziell Robert Marthaler beschäftigt das seltsame Verhalten seiner Freundin Teresa, die irgend etwas zu bedrücken scheint.
Sich mit ihr in Ruhe darüber zu unterhalten, was das sein könnte - dazu kommt er dann allerdings erstmal nicht. Marthaler und sein Team bekommen nämlich mal wieder eine grausige Aufgabe: auf einem Restaurantschiff am Main wurden 5 Menschen erschossen. Und der Besitzer des Lokals wird vermisst…
Bald schon wird klar, dass es sich bei diesem Mord nicht um einen Raubüberfall gehandelt haben kann, die Wertgegenstände wurden nicht angetastet. Aber schon die Identität der Mordopfer festzustellen gestaltet sich teilweise schwierig - und ihr Verhältnis untereinander stellt die Kripo vor ein schier unlösbares Rätsel. So wie auch die Identität einer sechsten Person, die kurz vor den Morden noch an einem der Tische gesessen haben muss…
Je weiter die Ermittlungen voranschreiten, umso klarer ist, dass es sich dabei um einen skrupellosen Mörder handelt, der schnell und gezielt auch alle diejenigen beseitigt, die sich als Zeugen melden. Und nur sehr langsam kommt Marthaler auf die Spur, die ihn zu Valerie, der Offenbach-Oper und damit mitten hinein in die Gräuel von Auschwitz bringt…
Im Gegensatz zu den ersten beiden Fällen rund um den Frankfurter Ermittler fällt dieser hier leider deutlich ab. Zwar lässt sich auch dieser Krimi gut und flüssig lesen, macht es Spaß, dem Ermittlerteam bei der Arbeit zuzusehen. Aber der Plot ist ausgesprochen holprig konstruiert, und besonders geärgert hat mich in diesem Zusammenhang der Umgang mit dem sensiblen Thema Auschwitz.
Nein, nicht etwa dass es überhaupt Thema eines Krimis ist, hat mich gestört, ganz und gar nicht. Aber die Protagonisten dieses Buches begegnen dem Thema so, als hätten sie nie zuvor davon gehört, als wüssten sie wirklich NICHTS darüber, was dort damals passiert ist. Das wirkte auf mich, als wäre es ein Thema, das mittlerweile der (vergessenen, vergrabenen, unwesentlichen) Vergangenheit angehört.
Im Zusammenhang mit diesem speziellen Krimiplot stellte sich bei mir außerdem ein leises Gefühl des Überdrusses ein - auf mich wirkte der NS-Bezug wie ein Mittel zur Auflagensteigerung.
Auch das Verhältnis zwischen Marthaler und seiner Teresa wird langsam etwas überstrapaziert - in jedem einzelnen Fall dürfen sie nicht miteinander reden, und gerade in dieser speziellen Situation spricht Teresa mit allen Freunden und Bekannten vorher, bevor sie miteinander sprechen?
Mein Eindruck war, dass der Autor mit den ersten beiden Krimis viel Erfolg hatte, mehr als erwartet, und nun beim dritten unter einer Art Erfolgsdruck litt. Vielleicht haben wir Glück und die Fortsetzung ist wieder stimmiger.
alias: Matthias Altenburg wurde 1958 geboren. Der Schriftsteller, Kritiker und Essayist lebt in Frankfurt am Main.
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