Valerio Varesi - Die Schatten von Montelupo. Commissario Soneri kommt ins Grübeln

Originaltitel: Le Ombre di Montelupo
Krimi. Kindler Verlag 2007
288 Seiten, ISBN: 3463405113

Dieser dritte Krimi um den mittelalten Witwer Soneri, soviel sei gleich vorweg genommen, hat mir bislang am besten gefallen.

Soneri ist müde. Sehr müde. Ein anstrengendes Jahr mit vielen Reibereien im Job liegt hinter ihm, und der ewige Nebel in Parma jetzt im November trägt auch nicht zu seiner guten Laune bei. Also hört er endlich auf seine Lebensgefährtin Angela und macht Urlaub.

Statt nun aber ans Meer zu fahren, findet er sich dann doch in den Bergen wieder, genauer am Montelupo, in dem Dorf, in dem er aufgewachsen war, bis er dann zum Studium in die Stadt gegangen war.

Auch hier herrscht dichter Nebel; seine Vorsätze, täglich lange Wanderungen in den Bergen auf der Suche nach Pilzen zu unternehmen scheint ziemlich aussichtslos zu sein; zumal ihm ohnehin jeder im Dorf erklärt, dass es dieses Jahr keine Pilze gebe. Und wirklich findet er zu Beginn auch nur Totentrompeten, jene Pilze, die von vielen nicht gegessen werden, weil sie sie für ein schlechtes Omen halten.

Und auch wenn er doch eigentlich nur ganz privat hier oben sein möchte: die Umstände ziehen ihn dann doch mit rein in einen Fall, in den er irgendwie auch persönlich verwickelt ist.

Das ganze Dorf ist wirtschaftlich abhängig von den Rodolfis; während des Krieges hatte Rodolfi sowohl mit den Faschisten als auch den Partisanen zusammengearbeitet, nach dem Krieg dann rasch ein großes Unternehmen aufgezogen. Mittlerweile leitet nicht mehr er, sondern sein Sohn das Unternehmen - und zwischen Vater und Sohn herrscht nicht unbedingt das beste Einvernehmen.

Was haben daher die seltsamen Anschläge zu bedeuten, dass der junge Rodolfi entgegen den Gerüchten gesund und am Leben sei? Und warum wird in den Bergen bei Nebel so viel geschossen, wer ist da am Werk, und warum? Warum erhängt sich der alte Rodolfi? Und was hat es mit der Leiche auf sich, die wenig später gefunden wird?

Auch hier reichen die Motive zurück bis in die Zeit des zweiten Weltkriegs, und Varesi zeichnet ein sehr lebendiges Bild davon, wie manche sie zu arrangieren verstehen, während andere dadurch, dass sie ihren Überzeugungen leben, nicht weiterkommen. ER erzählt davon, wie in einer kleinen Gemeinschaft, in der man aufeinander angewiesen ist, Missgunst und Neid oft unterdrückt werden, bis sie dann umso heftiger hervorbrechen; und er erzählt auch davon, wie es ist, einen Sehnsuchtsort zu haben, den man immer als Rückzugsmöglichkeit betrachtete, und feststellen zu müssen, dass man nicht mehr richtig dazugehört.

Diesmal wird bedeutend weniger gegessen im Roman, das habe ich sehr begrüßt; und auch sonst ist sowohl der Handlungsaufbau sehr konsequent, der Spannungsbogen meist straff gespannt, bis auf die Pausen, die man auch dramaturgisch benötigt.

Ich habe mich ausgezeichnet unterhalten mit Herrn Soneri, der mir mit seiner bedächtigen Art immer mehr ans Herz wächst, und hatte den Eindruck, der Autor hat sich mit diesem dritten Band nun ein großes Stück weiterentwickelt.

(Und: man kann diesen Krimi selbstverständlich auch dann lesen, wenn man die Vorgänger nicht kennt, die Handlung baut nicht auf Vorkenntnissen auf.)

Valerio Varesi

Valerio Varesi wurde 1959 in Turin geboren. Er studierte Philosophie in Bologna, bevor er sich dem Journalismus verschrieb. Er arbeitete unter anderem für die bekannte Zeitung „La Repubblica“.

Auszug aus dem Titelverzeichnis / Rezensionen zu weiteren Büchern:


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