Khaled Hosseini - Tausend strahlende Sonnen

Originaltitel: A Thousand Splendid Suns
Roman. Berlin Verlag 2007
382 Seiten, ISBN: 3827006716

Marjam wächst als uneheliches Kind bei ihrer Mutter auf; am Rand von Herat hat sie eine kleine Hütte, weit abgeschieden von allem. Es gibt nur wenige Menschen, mit denen die beiden Kontakt haben; mit einer alten Frau, die sie regelmäßig besucht, Marjams Koranlehrer, und - Marjams Vater, der jeden Donnerstag für kurze Zeit bei ihr erscheint. Er wird von ihr heiß geliebt und verehrt; den Kommentaren ihrer Mutter, die von ihm nach Bekanntwerden der Schwangerschaft abgeschoben wurde, will sie gar nicht mehr lauschen.

Doch es kommt der Tag, an dem sie mehr über ihn erfährt, als ihr lieb ist; ein Versprechen hatte sie ihm abgerungen, er sollte sie und ihre Halbgeschwister, die sie nie gesehen hatte, ins Lichtspielhaus mitnehmen. Aber Jalil tauchte nicht wie versprochen auf, sie abzuholen. Und als sie sich aufmachte, ihn in der Stadt zu suchen, verleugnet er sie, lässt sie vor seiner Tür auf der Straße schlafen.

Es ist ein schicksalshafter Tag für sie - denn ihre Mutter hatte ihren Verrat dadurch bestraft, dass sie sich aufgehängt hatte. Und plötzlich war des Vaters Haus für sie offen - aber nur für kurze Zeit. Schon nach wenigen Tagen wird Marjam an einen sehr viel älteren Mann verheiratet und nach Kabul geschickt.

Raschid verlangt von seiner Frau, die Burka zu tragen. Auch wenn es anfangs trotz des Altersunterschiedes noch ein erträgliches Los werden hätte können - nachdem Marjam Raschids Hoffnung auf einen Sohn durch mehrere Fehlgeburten enttäuscht hatte, bleibt ihr nur stummes Leiden.

In der Nachbarschaft wächst ein junges, schönes Mädchen heran, Leila. Die politischen Umwälzungen jener Jahre in Afghanistan zeigen sich erst in größerer Freiheit für die Frauen, denen plötzlich auch Wege der Bildung offenstehen, die sich nicht mehr verschleiern müssen - bis dann die Stimmung wieder umschlägt, und alles schlimmer wird als zuvor. Kabul wird umkämpft, mit Raketen beschossen. Auch Leilas Elternhaus wird getroffen.

Raschid hat sie aus den Trümmern gerettet, er will sie heiraten, als Zweitfrau nehmen; und wäre Leila nicht so verzweifelt, weil ihre Familie tot ist und der Mann, den sie seit Kindestagen liebt, Afghanistan vor einiger Zeit verlassen hat, sie würde nicht eingewilligt haben. Aber welche Chancen hat sie schon, als schwangere ledige Frau?

Raschid ahnt nichts davon, dass er betrogen wurde. Zwischen den beiden Frauen läuft es zu Beginn im Haushalt nicht gerade friedlich ab; es dauert, bis sich zwischen ihnen eine Freundschaft entwickelt. Doch dann ist es gerade diese Bindung, die ihnen beiden in den immer schlimmer werdenden Zuständen in der Stadt das Leben noch erträglich sein lassen...

Ich war vom "Drachenläufer", als ich ihn 2003 gelesen hatte, total begeistert. Gerade die Schilderung eines Landes, das in den Nachrichten zu jener Zeit nur durch Katastrophenmeldungen erschien, nun aus einer anderen Perspektive, mit einem größeren zeitlichen Horizont zu lesen, hatte mich angesprochen. Dazu kam die Geschichte einer Freundschaft und eines Verrats, die auch ohne diesen exotischen Hintergrund für sich genommen spannend gewesen wäre.

Ja, meine Erwartungen an diesen zweiten Roman gingen wohl in eine ähnliche Richtung - aber mich persönlich hatte dieser Nachfolgeroman enttäuscht. Ich empfand es als eine Aneinanderreihung von Klischees; schon der Beginn, das uneheliche Kind, der Verrat des Vaters, die Zwangsehe - und dann erst recht die sich entwickelnde Freundschaft zwischen den beiden Frauen.

In meinen Augen ist es Hosseini nicht gelungen, authentische Charaktere zu zeichnen. Auch das, was man über Afghanistan hier lesen kann, fand ich nicht überzeugend; ich hatte beim Lesen stets den Eindruck, dass mir nun jemand mit einfachen Worten erklären will, wie es zu all dem Leid kam, und dass natürlich nun, da die Amerikaner die Taliban bekämpft haben, alles wieder gut ist.

Am Drachenläufer hatte mich gefesselt, dass es dem Klischee entgegenlief, indem es ein anderes Bild Afghanistans zeichnete, als es in den Köpfen verankert war.
Nicht so bei diesem Roman.

Es wird sicher viele Leser geben, die sich dennoch von diesem Buch fesseln lassen - bei mir hat es keinen Nerv berührt.

Khaled Hosseini

Khaled Hosseini wurde 1965 in Kabul, Afghanistan, als Sohn eines Diplomaten geboren. Seine Familie erhielt 1980 politisches Asyl in den Vereinigten Staaten. Hosseini lebt heute als Arzt in Nordkalifornien. Drachenläufer ist sein erster Roman, er erschien gleichzeitig in zwölf Ländern.

Auszug aus dem Titelverzeichnis / Rezensionen zu weiteren Büchern:


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