Elisabeth Herrmann - Die 7. Stunde

Originaltitel: Die 7. Stunde
Krimi. List Verlag 2007
416 Seiten, ISBN: 3471795537

Aufmerksam wurde ich auf die Autorin, weil Ralf hier vor einiger Zeit mal auf ihren Erstling Das Kindermädchen hinwies. Das habe ich zwar nach wie vor nicht gelesen, aber ich hab mir den Namen der Autorin gemerkt; und dass auch hier Joachim Vernau die Hauptrolle spielt, habe ich eben erst beim Nachlesen entdeckt.

Nun aber zur 7. Stunde:
Die Anwaltskanzlei, die Joachim Vernau und Marie-Luise Hoffmann gemeinsam betreiben, läuft schlecht. Sehr schlecht sogar. Die Mietzahlungen werden immer mehr zum Problem; daher wirkt das Ansinnen einer alten Schulfreundin Marie-Luises, Joachim solle an ihrer Privatschule für gutes Geld den Unterricht eines kurzfristig ausgefallenen Lehrers übernehmen, aus monetärer Sicht wie ein Geschenk des Himmels.

Joachim ist dennoch misstrauisch. Was soll er als Nichtpädagoge denn hier unterrichten? Und warum wendet man sich damit an ihn, wo es doch so viele arbeitslose Lehrer und auch Juristen gibt? Und außerdem: weshalb hat der eigentliche Lehrer so kurz davor abgesagt?

Seine Aufgabe, erfährt er bald, soll darin bestehen, mit den Schülern einen Teen Court zu bilden, mit ihnen die kleineren Vergehen an der Schule in Eigenverantwortung zu lösen und eine Bestrafung auszuarbeiten. Es ist ein Projekt, auf das Frau Oettinger so richtig stolz ist, und das ihre Privatschule von den anderen abheben soll.

Es ist eine seltsame Gruppe, die Vernau da übernimmt. Eine ganz eigenwillige Gruppendynamik ist am Werk, es gibt immer wieder seltsame Symbole, deren Bedeutung er nicht begreift. Durch Zufall wird er, da er einen der merkwürdigen Gegenstände in die Praxis mitgebracht hatte, von seinem Praktikanten auf ein Spur gebracht: LARP. Live Acting Role Play lautet das Stichwort - und hier an der Schule scheint es eine besonders dramatische Version des Spieles zu geben, das außer Kontrolle geraten ist...

Das Verhalten an der Schule, das Ignorieren des Selbstmords einer Klassenkameradin, dazu das seltsame Verhalten Frau Oettingers und als Gipfel noch der Konflikt mit der nebenan liegenden öffentlichen Schule mit dem schlechten Ruf - das alles sorgt dafür, dass von Anfang an eine spannende Dynamik in diesem Roman herrscht.

Dazu der Schauplatz Berlin, einige sehr unterhaltsame Randfiguren und ein Grundthema, das noch nicht breitgewalzt ist in der Kriminalliteratur - all das hat für mich dazu geführt, dass ich dieses Buch wirklich mit sehr großem Vergnügen gelesen habe. Am Schluss hakt es ein wenig, daher nur 3 Punkte; aber insgesamt eine Empfehlung.

Elisabeth Herrmann

Auszug aus dem Titelverzeichnis / Rezensionen zu weiteren Büchern:

  • Das Kindermädchen
  • Die 7. Stunde
  • Die letzte Instanz
  • Zeugin der Toten

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