Anne Tyler - Tag der Ankunft

Originaltitel: Digging to America
Roman. List Verlag 2007
304 Seiten, ISBN: 3471789464

Hätte es nicht jenen Tag im August gegeben, an dem beide Familien ihre Adoptivtöchter aus Korea in die Arme schließen durften, die Donaldsons und die Yazdans wären sich wohl nie begegnet.

Schon an diesem einen Abend am Flughafen von Baltimore war offensichtlich, wie unterschiedlich die Familien waren. Während bei den Donaldsons die ganze Verwandtschaft und viele Freunde da waren, mit großem Aufwand fotografiert und gefilmt wurde, waren Ziba und Sami Yazdan nur mit Samis Mutter Maryam am Flughafen, und das auch noch ganz ohne Fotoapparat.

Bitsy war es, die damals als erste bei Ziba angerufen und ein Treffen vorgeschlagen hatte; in der Folge entwickelt sich zwischen der uramerikanischen und der iranischen Familie eine Freundschaft, die keiner hätte voraussagen können.

Der Tag, an dem die beiden Töchter in ihre neuen Familien gebracht wurden, wird dabei zum wichtigen, gefeierten Ritual; an den beiden Mädchen kann man auch die unterschiedlichen Ansätze beobachten, wie der Versuch, ein ausländisches Kind in die Familie zu integrieren gestartet werden kann.

Anne Tyler konzentriert sich in ihrer Erzählung aber nicht auf die beiden Kinder, sondern auf die Erwachsenen. Die Freundschaft ist nicht selbstverständlich, es kommt immer wieder zu Missverständnissen, zu Verletzungen. Man macht sich ein wenig lustig über die typischen Eigenschaften der anderen.

Es geht auch darum, was nun wirklich typisch amerikanisch ist, was Einwanderer in zweiter Generation aus welcher Kultur übernehmen, mit welchen Dünkeln jeder behaftet ist und wie schwer es fällt, mit den eigenen Vorurteilen in jeder Hinsicht aufzuräumen.

Es ist ein unspektakuläres Buch; aber eines, das mir gerade dadurch ausgesprochen gut gefallen hat. Es ist mittlerweile ein paar Tage her, seit ich es gelesen habe, aber ich merke, dass ich mich immer noch mit manchen Szenen beschäftige.

Anne Tyler ist gerade deshalb so großartig, weil bei ihr nichts schwarz-weiß gezeichnet wird, weil ihre Protagonisten anstrengend sein dürfen, nervig, von sich eingenommen, überheblich - und man trotzdem merkt, warum es sich lohnt, mit ihnen befreundet zu sein.

Eine warme Empfehlung von mir!

Anne Tyler

Anne Tyler wurde 1941 in Minneapolis geboren und lebt heute in Baltimore. Mit ihren mittlerweile 14 Romanen ist sie eine der erfolgreichsten Autorinnen der amerikanischen Gegenwartsliteratur. Für ihren Roman "Atemübungen" wurde sie 1988 mit dem Pulitzer-Preis ausgezeichnet.

Auszug aus dem Titelverzeichnis / Rezensionen zu weiteren Büchern:


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