Günter Grass - Im Krebsgang. Novelle

Originaltitel: Im Krebsgang. Novelle
Roman. dtv Der TaschenbuchVerlag 2004
216 Seiten, ISBN: 3423131764

Im Krebsgang, in einer Erzählweise, die einen Schritt seitwärts und dann zwei zurück zu machen scheint um damit aber überraschenderweise doch sehr zielgerichtet voranzukommen, berichtet vom Untergang der Wilhelm Gustloff im Januar 1945.

Wobei "Untergang" dafür, dass ein Schiff, beladen mit tausenden Flüchtlingen, torpediert wurde, vielleicht etwas zu sanft ausgedrückt ist.

Der Ich-Erzähler dieser Geschichte präsentiert uns diese, als wäre es ein Auftragswerk, das er für einen anderen, bekannteren Autor (in dem man selbstverständlich sofort Günter Grass erkennt) verfassen soll, der sich selbst zu nah am Geschehen sieht.

Dabei ist doch dieser Paul Pokriefke selbst in sehr vieler Hinsicht noch viel näher dran am Geschehen; ist er, der Sohn der Danziger-Trilogie-Tulla Pokriefke, doch in jener Nacht während des Untergangs geboren. Und von seiner Mutter schon ewig mit allen Geschichten rund um die Gustloff gefüttert worden, weil doch endlich mal einer ordentlich darüber berichten sollte.

Aber diese ordentliche Berichterstattung hat nun wohl doch ein anderer übernommen, im Internet. Unter www.blutzeuge.de (puh, zum Glück kommt man dabei auf die Verlagsseite und nicht auf eine rechte...) finden sich Berichte über den Namensgeber der Gustloff. Über seine Geschichte, seine Ermordung. Über das Schiff, das dann gebaut wurde, ein Schiff für die Aktion "Kraft durch Freude". ÜBer die Kreuzfahrten, die so klassenlos abliefen. Und schlussendlich natürlich auch über den Untergang.

Es ist ideologisch gefärbt, was sich auf dieser Webseite verbirgt. Und bald schon hat Paul auch eine Ahnung, wer der Verfasser sein könnte - zu viele Details kennt er aus den Erzählungen seiner Mutter, die nicht nur ihn, sondern jetzt, nach der Wende, auch seinem Sohn Konrad entsprechend in den Ohren liegt...

Obwohl so dünn, sind in diesem Buch doch unglaublich viele Fakten enthalten - ich habe es nicht überprüft, doch wirkt zumindest alles ausgesprochen gut recherchiert. Auch die Erzählweise, dieses langsame Vorantasten auf den überlieferten Fakten zur aktuell ablaufenden Geschichte fand ich - nach einiger Gewöhnung - sehr beeindruckend und handwerklich wirklich hervorragend herausgearbeitet.

Es ist ein Buch, das Stellung bezieht. Das hinweist auf etwas, was zu Zeiten des Erscheinens noch kaum Thema war, heute, nur wenige Jahre später, im Bewusstsein der Menschen auch durch diverse Fernsehserien viel präsenter ist. Und - zumindest anfangs - hat der Autor auch die Gefahr, die in diesem Verschweigen liegt, darin, dass diejenigen, die dann damit an die Öffentlichkeit gehen, damit ganz andere Ziele verfolgen als nur ein Aufzeigen einer Seite, die bislang weitgehend ausgeblendet war.

Dass gegen Ende dann alles auf die unerhörte Gegebenheit hinausläuft, deren Merkmal die Novelle ja sein soll - das allerdings hat mich persönlich nicht mehr wirklich überzeugt.

Dennoch - ein Buch, das ich weiterempfehlen kann.

Günter Grass

wurde am 16. Oktober 1927 in Danzig geboren, absolvierte nach der Entlassung aus amerikanischer Kriegsgefangenschaf eine Steinmetzlehre, studierte Grafik und Bildhauerei in Düsseldorf und Berlin. 1956 erschien der erste Gedichtband mit Zeichungen, 1959 der erste Roman, "Die Blechtrommel". 1999 wurde ihm der Nobelpreis für Literatur verliehen. Grass lebt in der Nähe von Lübeck.

Auszug aus dem Titelverzeichnis / Rezensionen zu weiteren Büchern:


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