Elizabeth Kostova - Der Historiker

Originaltitel: The Historian
Roman. Berlin Verlag 2006
836 Seiten, ISBN: 3833303948

Dracula - der Name ist Programm und ruft automatisch Assoziationen wach mit düsteren Gruselschlössern im rumänischen Hinterland und blutrünstigen Vampirattacken.

Oder man findet die ganze Vampirgeschichte doof, wie ich.

Und dann fiel mir dieses Buch in die Hände, das wohltuend ohne Splattereffekte und Heerscharen von beißwütigen Untoten auskommt und Dracula nicht vordergründig als blutdurstigen Vampir in den Mittelpunkt stellt, sondern sich mit der historischen Person Vlad Tepes, genannt Drakulya, beschäftigt, während subtiler Grusel nicht zu kurz kommt.

Das Buch ist vielschichtig aufgebaut und wird auf zwei, teils sogar drei Zeitebenen erzählt.

Hauptfiguren sind ein Uni-Wissenschaftler, von dem wir nur erfahren, dass er Paul heißt, und seine nicht namentlich bezeichnete Tochter. Paul ist fasziniert von den Legenden, die sich um den sadistischen Fürsten aus Rumänien ranken. Mit seiner Tochter reist er quer durch Europa und besucht zahlreiche Orte, die mit Vampirlegenden aufwarten können.

Parallel dazu erfährt das Mädchen zuerst durch mündliche Berichte und später durch Briefe des Vaters von seiner Suche nach dem tatsächlichen Grab Draculas, das den Legenden zum Trotz nicht auf einer kleinen Insel in einem rumänischen See liegt, vom Verschwinden seines Mentors, Professor Rossi, und von Pauls Begegnung mit der schönen, unnahbaren Helen, die seine Leidenschaft teilt und ihn auf seinen Recherchen begleitet.

Elizabeth Kostova hat mit "Der Historiker" einen komplexen, packenden und auch sprachlich ausgefeilten Erstlingsroman vorgelegt, der Spannung, Grusel, Geschichte und Zwischenmenschliches auf sehr gelungene Weise verbindet und mich absolut überzeugt hat, die ich anfangs arg skeptisch war, ob mir ein Dracula-Buch gefallen könnte.

Die vielschichtige Handlung und die Ortssprünge auf Pauls Reisen mit seiner Tochter, die häufigen Perspektivenwechsel bis hin zu Briefen, mündlichen Erzählungen und wissenschaftlichen Abhandlungen, die in Pauls Berichten an seine Tochter vollständig zitiert werden, waren anfangs nicht ganz einfach zu "handhaben", doch mit der Zeit wurden die Verhältnisse klarer.

Sehr fasziniert haben mich auch die Schauplätze der Handlung, denen ich in meiner sonstigen Lektüre nur selten begegne: entlegene Gebiete Rumäniens, Ungarn im Jahre 1953, die Türkei, Bulgarien - alles wunderbar plastisch und atmosphärisch dargestellt, so dass man förmlich den Weihrauch in den orthodoxen Kirchen und die muffige Luft unheimlicher Krypten zu riechen glaubt.

Diese Autorin werde ich in Zukunft definitiv weiter beobachten und bin gespannt, womit sich ihr nächstes Buch befassen wird.

Elizabeth Kostova

Auszug aus dem Titelverzeichnis / Rezensionen zu weiteren Büchern:


Das könnte Sie interessieren:

Zeruya Shalev - Für den Rest des Lebens

Zeruya Shalev nimmt auch in diesem Roman ihre Leser mit auf eine Reise in die Dunkelkammer der Familien: lieblose Ehen, qualvolle Mutter-Kind-Beziehungen und die Besessenheit von der Gewissheit, dass es für den Rest des Lebens noch mehr geben muss als das, was die Gegenwart bietet. [..MEHR..]

Link zum Diskussionsforum

©04.04.2007 Valentine - - - Impressum - - - © 1998-2010 LESELUST Daniela & Markus Brezing