Heinrich Mann - Die Jugend des Königs Henry Quatre

Originaltitel: Die Jugend des Königs Henry Quatre
Roman. Rowohlt Verlag 1935
704 Seiten, ISBN: 349913487X

Über Heinrich Mann ist meistens bekannt, daß er der Bruder von Thomas, dem Nobelpreisträger, ist und vielleicht noch, daß er den „Untertan“ geschrieben hat. Der erste Fakt drückt meistens aus, daß sein berühmter Bruder der ‚bessere’ Schriftsteller ist, dem auch bekannte Kritiker wie M. Reich-Ranicki in jeder Hinsicht den Vorrang geben. Der zweite Fakt läßt kaum ahnen, daß Heinrich Mann nicht nur Zeitromane, die in Deutschland handeln, sondern auch einen historischen Roman, der in Frankreich handelt, verfaßt hat. Um den soll es hier gehen, nämlich um die Geschichte des französischen Königs Henri Quatre.

Zunächst zu der historischen Gestalt Henri Quatre: Er ist der erste Bourbonenkönig auf dem französischen Thron, des letzten französischen Königshauses, das vom 17. Jahrhundert bis zur Revolution von 1789 herrschte. Mit ihm beginnt die europäische Neuzeit, er ist ein ganz moderner Mensch und König. Ludwig XIV., der Sonnenkönig, ist sein Enkel. Der Weg berühmter Persönlichkeiten der französischen Geschichte begann in seinem Dienst, so der der Familie Richelieu. Henri IV. war, noch als König von Navarra, der erste Mann der Königin Margot (Alexandre Dumas), am meisten von allen bedroht in der berüchtigten Bartholomäusnacht. Neben Alexandre Dumas haben auch andere Schriftsteller über die Zeit dieses Königs und die Legenden, die von ihm bekannt sind, geschrieben, zuletzt Robert Merle (Fortune de France), ganz zu Beginn der Legendenbildung um Henri IV. – Voltaire (Henriade).

Was macht diesen König zu einer so oft geschilderten Gestalt, was macht ihn bedeutsam für die französische und darüber hinaus für die europäische Geschichte?

Die Franzosen erinnern sich an den kleinen Mann aus dem Königreich Navarra in den Pyrenäen, das damals noch nicht zu Frankreich gehörte, vor allem wegen seiner Volkstümlichkeit, weil er ein ausgezeichneter Soldat war und weil er die Frauen liebte. Seine Bedeutung für Frankreich liegt, kurz zusammengefaßt, darin, daß er die Religionskriege beendet, das Land geeint, den Toleranzgedanken im Edikt von Nantes etabliert und u.a. mit der Förderung von Gewerbe und Handel die bürgerlichen, liberalen Kräfte seines Königreichs unterstützt hat. Für Europa wurde er wichtig, weil er dem habsburgisch-spanischen Weltreich Schranken seiner Macht errichtet hat. Es wird ihm darüber hinaus die Vision von einem Bund gleichberechtigter Staaten in Europa zugeschrieben.

Das Leben des bon roi, dieses guten Königs nun hat Heinrich Mann als Entwicklungsgeschichte von der Jugend zur Vollendung zum Gegenstand von zwei Romanen gemacht, die er 1933-1938 im französischen Exil niederschrieb.

Gegen die Einordnung dieses umfänglichen Romanwerks in ein gängiges Genre – wie etwa Entwicklungsroman oder historischer Roman – gibt es in der Heinrich-Mann-Forschung eine Reihe von Einwänden, (die ich im übrigen teile).

Das hindert jedoch nicht, die beiden Bände – mit Spannung und Vergnügen an der Vielfalt der historischen Szenerie: der mannigfaltigen Liebesgeschichten, der Komik und der Pracht, der erbitterten Kämpfe und heroischen Schlachten, der politischen Intrige, von Machtkampf, List und Freundschaft – als historischen Roman zu lesen. Eines besonders ergreifenden historischen Romans zudem, der bis in die Abgründe der menschlichen Seele führt: zu Leidenschaft und Verrat, Bosheit und tödlichem Haß, Gier, Ekel, Einsamkeit und Mord. Denn: die Romane Die Jugend des Königs Henri Quatre und Die Vollendung des Königs Henri Quatre haben auch die Form eines historischen Romans.

Ein Erzähler führt uns durch die Geschichte. Der bleibt meistens im Hintergrund, e s wird einfach erzählt: „Der Knabe war klein, die Berge waren ungeheuer.“ In der Vergangenheitsform oder wie jemand, der Zeuge der Ereignisse ist, immer aus einer quasi objektiven Perspektive. Zuweilen verläßt der Erzähler die distanzierte Position und gibt seine eigene Bewertung dieses oder jenes Verhaltens seines Helden zu erkennen. Und in dem ersten Teil, der Jugend des Königs Henri Quatre, hat der Erzähler an jeden Abschnitt eine moralité angefügt, in der die Entwicklung des Henri zusammengefaßt und auch bewertet wird: „Da ist er, dieser Gefangene des Luxus, der Mußestunden und Frauen hat, und der sich von seinen Vergnügungen und den unfruchtbaren Zerstreuungen seines Geistes aufhalten läßt.“ – „Ist es denn nicht so, daß Sie alles wußten, und das seit langem schon, aber daß Sie niemals hatten auf Ihr Gewissen hören wollen?“ – „Wenn ihr seht, wie Henri in die schmachvollsten Geheimnisse des Wesens, das er am höchsten verehrt, eingeweiht wird und wie er all das schweigend erleidet, dann könnt ihr ermessen, was er für die Menschen vollbringen kann.“

Der Erzähler bezieht uns ein, er fordert unser Mitdenken und unser Urteil heraus und es kommt einem zuweilen vor, als träte er mit dem Leser in einen Dialog über das Verhalten seines Helden.

Diese Haltung einer moralischen Instanz gibt der Erzähler auf, je mehr sich das Lebensalter seines Helden seinem eigenen annähert: „An der Art, wie er sich dem Throne näherte, hat er der Welt begreiflich gemacht, daß man stark sein und dabei doch menschlich bleiben kann und daß man die Königreiche verteidigt, indem man schlichthin die gesunde Vernunft verteidigt.“ – „Auf dem Schlachtfelde von Arques weint der von allzu vielen Kämpfen in Schweiß gebadete König, indes der Siegesgesang erschallt. Seine Tränen sind teils Tränen der Freude, teils vergießt er sie über seine Toten und über alles, was mit ihnen dahingegangen ist. An jenem Tage endete seine Jugend.“

Am Ende des zweiten Buches tritt der ermordete König noch einmal auf: von einer Wolke herab schaut er auf uns und spricht zu uns – da vermischen sich die Stimmen, die des Helden und die des Erzählers.

Mit einem weiteren ‚Kunstgriff’ vermag es der Autor, uns in die Geschichte hineinzuziehen. Dafür ein Beispiel, als Henri mit seinen Hugenotten in Paris einreitet, um Margot zu heiraten:

„Die Reiter lenken unerwartet um die Ecke, da steht eine [Pariserin, S.B.] in voller Wirklichkeit und Sonne, ist überrascht, will fliehen, aber trifft in die Augen des Königs der Briganten – und bleibt da, auf ihren Fußspitzen, reglos, im Flug erstarrt. […] Als Henri ihren Augen begegnet war, hatte sie spöttisch gelacht. Als er sie endlich loslassen mußte, waren es Augen der Hingabe, getrübt und blicklos. Auch er mußte sich erst wieder erinnern. Die habe ich! Dachte er. Die andern auch! Paris, ich hab dich!“


Die Erzählerstimme, das ist hier das Besondere, geht über in einen inneren Monolog des Henri, wir erleben d e s s e n Wahrnehmung dieser Situation, von der er nicht wissen kann, daß er Paris noch lange nicht hat, sondern daß er es erst nach 20 Jahren, nach schicksalhaften Wendungen und unendlichen Kämpfen als König in Besitz nehmen wird; daß ihn und die Seinen jetzt vielmehr die tödliche Bluthochzeit in der Bartholomäusnacht erwartet. Wir möchten mit der moralité am Ende dieses Abschnitts sagen: „Sie hätten viel besser daran getan, Henri, umzukehren, solange noch Zeit dazu war.“ Wir verfolgen die Handlung beteiligt, wir sind mittendrin und haben am Ende das Gefühl, wir seien Vertraute des Helden, eingeweiht in Vorgänge, die so und nicht anders gewesen seien müssen! Auf diese Weise wird die Lektüre zu einem sehr persönlichen, fast intimen Erlebnis. Wir geraten in eine Auseinandersetzung mit der Art, wie Henri siegt, und wie er als Sieger schuldig wird an seiner Liebe, wie er geschlagen ist mit den Beziehungen zu seinen Nächsten und wie er sich schließlich müde abkehrt, die uns lange beschäftigen wird.

Dieser historische Roman, so kann man es vielleicht formulieren, ist mit den Mittel modernen Erzählens gestaltet – die im übrigen vielfältig und hier nur angedeutet sind. Das ist einer der Gründe, weshalb er heute mühelos gelesen werden kann.
Der Zugang zu den weit über tausend Seiten wird außerdem dadurch erleichtert, daß die beiden Bücher in neun bzw. acht große Abschnitte und darin in kurze Kapitel unterteilt sind. Alle tragen Überschriften, die als Hinweise auf die Handlung oder als knappe Bedeutungsanzeige des Folgenden verstanden werden können.

Es ist auf jeden Fall ein Abenteuer, zu dem ich einladen möchte, ein Abenteuer, einen hochinteressanten Heinrich Mann und durch ihn den „größte[n] König, den Frankreich und Europa gehabt haben“, kennenzulernen: „denn von allen Königen ist er der vollständigste Mensch. Henri ist für die Majestät, was Lionardo und Michelangelo für die Kunst sind, Montaigne für das Wissen vom inneren Menschen. Sie sind als Erste gekommen, haben die modernen Zeiten sogleich zusammengefaßt, sind niemandes Erben, und man übertrifft sie nicht.“
(Mit den Passagen in Anführungszeichen wird Heinrich Mann zitiert.)

Heinrich Mann

Luiz Heinrich Mann (* 27. März 1871 in Lübeck; † 12. März 1950 in Santa Monica, Kalifornien) war ein deutscher Schriftsteller und der ältere Bruder von Thomas Mann.

Auszug aus dem Titelverzeichnis / Rezensionen zu weiteren Büchern:


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