Lisa See - Der Seidenfächer

Originaltitel: --
Roman. Blanvalet 2007
384 Seiten, ISBN: 3442367573

1823 wird Lilie in einem kleinen chinesischen Bauerndorf als drittes Kind ihrer Familie geboren, in einer Zeit, in der sich die chinesische Bevölkerung stark von ihren alten Traditionen leiten lässt und Mädchen nichts wert sind.

Als es Zeit wird, der Siebenjährigen nach althergebrachtem Brauch die Füße zu binden, damit sie so winzig werden, wie es dem Schönheitsideal der Zeit entspricht, entdeckt die Heiratsvermittlerin, die das "Potential" des Mädchens beurteilen soll, Anzeichen dafür, dass Lilie für eine gute Partie bestimmt ist und nicht, wie üblich, mit mehreren "Schwurschwestern" einen Freundschaftsbund schließen soll, der bis zur Ehe dauert, sondern eine lebenslange Verbindung mit einem anderen Mädchen eingehen soll.

So begegnen sich Lilie und Schneerose, das Mädchen aus dem reichen Dorf Tongkou, zum ersten Mal und schließen augenblicklich Freundschaft. Gemeinsam erdulden sie die grässliche Tortur des Füßebindens, die Lilies jüngere Schwester nicht überlebt, verbringen viel Zeit miteinander in bei Lilies Familie, erlernen die geheime Nushu-Schrift, die nur Frauen lernen, und schreiben sich, wenn sie nicht zusammen sein können, geheime Botschaften auf einen Seidenfächer, den sie hin und her schicken.

Der Tradition entsprechend werden die Mädchen im Teenageralter verheiratet. Während Lilie wie vorhergesehen einen Sohn aus höchst angesehener Familie ehelicht, muss sich Schneerose mit einem Metzger begnügen, dem niedersten aller Berufe.

Und Lilie erfährt, dass Schneerose ihr nie die ganze Wahrheit über sich und ihre Familie erzählt hat. Schwer enttäuscht wendet sie sich von der Freundin ab ...

Ein wunderschön erzähltes Bild dieser längst vergangenen Zeit mit ihren überkommenen Traditionen, denen man blind folgte. Lilie ist keine Protagonistin, wie es sie in historischen Romanen und gerade in Zeiten großer Unterdrückung der Frau häufig gibt, keine, die sich beherzt über die Sitten und Gebräuche ihrer Gegenwart hinwegsetzt, sondern sie ordnet sich den Traditionen unter, ist ganz ein Kind ihrer Zeit und genau deshalb so authentisch.

Im zweiten Teil verliert der Roman leider ein wenig an Schwung. Während die Kindheit, insbesondere die Zeit des Füßebindens und der keimenden Freundschaft zwischen den beiden Mädchen, mit vielen Details geschildert ist, wird später vielleicht etwas zu stark gerafft und gesprungen, doch zum Ende hin holt das Buch wieder auf.

Auf jeden Fall lesenswert.

Lisa See

Auszug aus dem Titelverzeichnis / Rezensionen zu weiteren Büchern:


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