Ian McEwan - Am Strand

Originaltitel: On Chesil Beach
Roman. Diogenes 2007
207 Seiten, ISBN: 3257066074

Hier ist es nun angelangt, das junge, frischverheiratete Paar - im Juli 1962 sitzen Edward und Florence beim Abendessen in ihrem Hotel am Chesil Beach. Das Essen wird aufgetragen, und in den Pausen dazwischen versucht das Paar, die unausgesprochenen Erwartungen, die mit "frisch verheiratet" und "Hochzeitsnacht" in Zusammenhang stehen, zu erfüllen.

Schon die Herstellung einer vertraulichen Nähe ist durch die Kellner gestört; aber viel schwerer wiegt, dass Florence sich immer unsicherer wird, ob das, was sie nun erwartet, eigentlich das ist, was sie will. Denn körperliche Nähe, schon die Beschreibung von Penetration, von diesem Eindringen, ist ihr eigentlich zuwider.

Aber immer dann, wenn sie eigentlich ihren Mut zusammen nehmen müsste um ihr Unbehagen zu äußern geht sie stattdessen einen Schritt auf Edward zu, den dieser - in seiner erwartungsvollen Erregung - auch noch ganz anders deutet...

Es kommt zum Eklat. Wie, das soll hier nicht beschrieben werden; aber die Art, wie der Autor das beiderseitige Missverständnis sich immer weiter entwickeln lässt, empfand ich beim Lesen als sehr lebendig, sehr zutreffend. Er beschreibt die Unfähigkeit, in kritischen Situationen auf das Gegenüber einzugehen, weil man in seinen eigenen Unsicherheiten so gefangen ist, wirklich hervorragend!

In Rückblenden wird ein kurzer Abriss über die Entwicklungsgeschichte beider Protagonisten, einschließlich ihres Kennenlernens und ihrer bisherigen Beziehung, dargestellt. Ja, natürlich ist ein bisschen Vorgeschichte nötig, um das alles richtig einschätzen zu können; aber ganz ehrlich: auf diesen Part hätte ich zum Großteil verzichten können. Hier ging es mir ein wenig wie Volker, hier wurde mir zu viel erklärt, zu deutlich auf den Zeitgeist hingewiesen.

Insgesamt ein kurzer Roman, den ich sehr gerne gelesen habe.

Ian McEwan

Ian Mc Ewan, geb. 1948 in Aldershot, verbrachte seine Kindheit in England, Singapur und Nordafrika. Nach einem Philologiestudium war er einziger Student eines "Creative Writing"-Kurses bei Malcolm Bradbury. Seine Magisterarbeit bestand aus einer Reihe von Kurzgeschichten, die später unter dem Titel "Erste Liebe, letzte Riten" veröffentlicht wurden und ihm den Somerset-Maugham-Preis einbrachten. Er lebt heute mit seiner zweiten Frau und den beiden Söhnen aus erster Ehe in Oxford und London. 1998 wurde ihm für "Amsterdam" der begehrte Booker-Preis verliehen, und im folgenden Jahr der Shakespeare-Preis der Alfred-Toepfer-Stiftung für das Gesamtwerk. Für "Abbitte" erhielt er 2001 den People´s Booker.

Auszug aus dem Titelverzeichnis / Rezensionen zu weiteren Büchern:


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