Jodi Picoult - Die Wahrheit meines Vaters

Originaltitel: Vanishing Acts
Roman. (englischsprachiger Verlag) 2006
418 Seiten, ISBN: 0340838205

Kurz vor ihrer eigenen Hochzeit mit Eric wird Delias Vater verhaftet. Wegen Kindesentführung. Delias heile Welt bricht in Scherben - denn erst jetzt erfährt sie, dass ihr Vater zwar ihr Vater ist, sie aber nicht Delia Hopkins heißt. Und ihre Mutter nicht tot ist, sondern höchst lebendig, nur sehr weit weg.

Natürlich stellt sie sich die Frage nach dem Warum - warum hatte ihr Vater sie der Mutter entzogen, und warum kann er sagen, dass das die für sie beste Entscheidung war?

Im Zuge der Vorbereitungen auf den Gerichtstermin erhält sie nicht nur Antworten auf viele dieser Fragen, sondern stellt auch ihre eigene Beziehung zu Eric in Frage…

Meine Meinung enthält so einige Spoiler, ich werde erstmal mit den "einfachen" Kommentaren anfangen und dann nochmal vorm Weiterlesen warnen:

Ich hatte zu diesem Buch gegriffen, weil ich Lust darauf hatte, ein mich emotional anrührendes Werk zu lesen, etwas, das mich fesselt, mich berührt, vielleicht sogar zum Weinen bringt.

Erfüllt hat sich diese Erwartungshaltung nicht. Schon sehr früh wird man als Leser mit der Entführung konfrontiert, wird Delias Vater ins Gefängnis gebracht. Und dann folgt eine, lange lange lange Phase (die ich beim Lesen auch zunehmend langweilig fand), in der irgendwie aber trotzdem schon dauernd auf den Prozess hingearbeitet wird. Das fand ich dramturgisch wenig geglückt.

Dazu kommt, dass die meisten der Protagonisten, aus deren Blickwinkel das Geschehen geschildert wird, ihre Gedanken quasi an Delia richten. Und jeder von ihnen ist ihr ja so ergeben, alle Gefühle sind irgendwie größer als das Leben selbst. Ja, natürlich hatte ihr Vater nur das Beste für sein Kind im Sinn. Ja, natürlich ist auch ihr Verlobter geradezu abhängig von dieser Liebe. Selbstverständlich hat auch die Mutter in den 28 Jahren der Abwesenheit der Tochter nie aufgehört, diese zu lieben, zu vermissen, usw.

AB HIER WIRD ZUVIEL VOM INHALT VERRATEN, ACHTUNG!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!

Dass das Thema Alkoholismus sich durch so passend durchzieht, dass Erics Mutter Alkoholikerin war, er selbst dazu wurde, und sich dann Delias Mutter ebenfalls als eine herausstellt war schon gewaltig auf die Mitgefühlsschiene gedrückt.

Dass dann zum Schluss aber auch noch Kindesmisshandlung eingeführt wurde, hat für mich dem Fass den Boden ausgeschlagen. Wahrscheinlich war der Autorin selbst nicht mehr eingefallen, wie sie die Handlung ihres Protagonisten so rechtfertigen konnte, dass man trotz seines Gesetzesverstoßes mit IHM fühlt anstatt mit der verlassenen Mutter...

Dann noch diese Dreieckssituation zwischen Eric, Fitz und Delia - selbstverständlich lieben beide sie tief und innigst, der eine sogar so sehr, dass er ihr noch nicht einmal seine Gefühle verrät; mir war das deutlich zu viel Hingabe. Von natürlicher Frustration, von Zweifel, auch mal von wirklichem Ärger über jemanden, von Stress, Streit, Missverständnissen, die dem ganzen etwas Tiefe verliehen hätten, liest man hier leider kaum etwas. Dadurch hat sie mir auch nicht die Möglichkeit gegeben, auch nur eine ihrer Figuren wirklich sympathisch zu finden, oder zumindest innerlich an ihr Anteil zu nehmen.

Und auch wenn mit Ruthann und dem indianischen Hokuspokus noch eine für den Erzählstrang für mich eher störende Figur eingeführt wurde, waren gerade hier eigentlich ein paar der wenigen Ideen zu finden, die mich wirklich amüsiert haben: die Puppen, die Ruthann macht. OneNightStand-Barbie. DivorceBarbie. Und dazu jeweils die passenden Utensilien - ja, das hat Spaß gemacht zu lesen, das fand ich originell.

Ansonsten war es für mich bislang das deutlich schlechteste Buch der Autorin. Ich muss zugeben, gerade die Passagen, die Andrews Leben im Gefängnis beschreiben, bald nur noch quergelesen zu haben. Nur das dramatische Finale bringt wieder ein bisschen Leben rein, das hat das Buch vorm totalen Flop gerettet.

Jodi Picoult

Auszug aus dem Titelverzeichnis / Rezensionen zu weiteren Büchern:


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