Hugo Hamilton - Der Matrose im Schrank

Originaltitel: The Sailor in the Wardrobe
Roman. Diverse 2006
350 Seiten, ISBN: 0007232403

Dies ist der zweite Band von Hugo Hamiltons Autobiographie, die vor einigen Jahren mit "Gescheckte Menschen" (The Speckled People) begann.

Nachdem im ersten Band überwiegend Geschichten und Szenen aus der Kindheit geschildert wurden, beschäftigt sich dieser zweite Teil überwiegend mit den Teenager- und Jugendjahren. Hugos Eltern sind ein merkwürdiges Paar: Der Vater irischer Nationalist, die Mutter deutsche Emigrantin. Beide gehen auf ihre Weise beschädigt aus der Geschichte hervor, die Mutter wird als Deutsche im Nachkriegsirland schief angesehen, der Vater verbietet seinen Kindern den Gebrauch der englischen Sprache, das sie die Sprache der "Besatzer" ist. Im Haus darf nur Irisch und Deutsch gesprochen werden, was die Kinder zu doppelten Außenseitern macht. Sie sind nicht nur die "Nazis", sondern auch die Kinder eines durchgeknallten, gewalttätigen Mannes, der sie für seinen Privatkrieg mit der englischen Sprache mißbraucht.

Dieser zweite Band erzählt nun vom immer schärfer werdenden Kampf zwischen Vater und Sohn. Die ohnehin schwierigen Phasen der Pubertät werden durch die unsinnigen Anordnungen und Verbote des Vaters und seine drakonischen Maßnahmen ins schier Unerträgliche gesteigert. Die Geschichte der Jugend ist daher für Hugo der Versuch, die "Erbsünde" seiner Familiengeschichte abzustreifen und einen Zustand der Unschuld zu erreichen, in dem er er selbst sein kann, ohne durch die Geschichte seiner Familie und ihrer Völker vordefiniert zu sein. Als Kind werde man mit dem "Kopf nach hinten geboren", so schreibt er am Beginn, aber man müsse lernen, nach vorne zu sehen. Erst durch eine räumliche Trennug von der Familie, einen Ferienaufenthalt auf den Aran Inseln an der Westküste und dann die Flucht nach England und Berlin lernt Hugo, sich selbst als Teil der Geschichte, dabei aber als autonome Persönlichkeit zu begreifen.

Mir hat dieser zweite Band der Erinnerungen fast noch besser gefallen als der erste. Der Kampf mit dem Vater erreicht zuweilen eine Intensität, die für den Leser kaum noch erträglich ist. Daß das Buch trotzdem ein Genuß ist, liegt an der stilistischen Fertigkeit Hamiltons. Hier hat er wirklich seinen eigenen Ton gefunden. Die einzelnen Kapitel sind nicht strikt linear erzählt, sondern überlagern einander und greifen Motive und Szenen aus anderen Kapiteln auf. Hamilton schafft es nicht nur, immer wieder urkomische Szenen zu erzählen (hey, der Mann ist Ire after all!), sondern erzählt auch mit einer enormen Menschlichkeit. In den brutalen Szenen fehlt nie der Blick für die menschlich anrührenden Situationen. Selbst nach den schlimmsten Demütigungen durch den Vater empfindet Hugo so etwas wie Mitleid, weil ihm dessen Geschichte bewußt ist. Diese Mischung aus Tragik, Witz und Menschlichkeit ist schließlich ein Markenzeichen der irischen Literatur. Das Buch ist aber mehr als das, denn es bringt durch die besondere Familienkonstellation noch ein ganz eigenes Motiv mit in diese klassisch irische Melange. Ich hoffe nur, daß Hamilton diesen wunderbaren Erzählton behält und bald das nächste Buch nachschiebt.

Eine unbedingte Empfehlung!

Hugo Hamilton

Auszug aus dem Titelverzeichnis / Rezensionen zu weiteren Büchern:


Das könnte Sie interessieren:

Zeruya Shalev - Für den Rest des Lebens

Zeruya Shalev nimmt auch in diesem Roman ihre Leser mit auf eine Reise in die Dunkelkammer der Familien: lieblose Ehen, qualvolle Mutter-Kind-Beziehungen und die Besessenheit von der Gewissheit, dass es für den Rest des Lebens noch mehr geben muss als das, was die Gegenwart bietet. [..MEHR..]

Link zum Diskussionsforum

©20.11.2006 Tomke - - - Impressum - - - © 1998-2010 LESELUST Daniela & Markus Brezing