Renate Welsh - Zur schönen Aussicht

Originaltitel: Zur schönen Aussicht
Roman. dtv Der TaschenbuchVerlag 2005
240 Seiten, ISBN: 3423244941

Rosa war alles andere, aber bestimmt kein Wunschkind. Ihre Mutter war schon 50, als Rosa geboren wurde, hatte sich geschämt, dass sie in dem Alter nochmal empfangen hatte. Nähe und Wärme ist etwas, was das Kind nur bei seinem Hund erlebt hat. Und hin und wieder ein bisschen bei der älteren Schwester Marianne, mit der sie das Zimmer teilt.

Aber dann passiert das Malheur mit Marianne, das mit dem "da unten" zusammenhängt, und woran diese fast stirbt. Die Schande ist groß; nur kurze Zeit ist Marianne daraufhin noch zu Hause, bevor sie eines Tages einfach verschwindet und nun nicht mehr erwähnt wird.

Nachdem die Schulzeit zu Ende ist, wird sie zu einer Weißnäherin in die Lehre gesteckt, auch wenn sie viel lieber Schneiderin geworden wäre; doch sie zu fragen hatte keiner für nötig erachtet.

Frau Michalek ist eine strenge Lehrmeisterin; doch als Rosa sich dann verliebt und dieser, ein TIschler, viel zu jung an einem Unfall stirbt, ist sie es, die die völlig verstörte junge Frau unter ihre Fittiche nimmt, sie zum Begräbnis begleitet und dafür sorgt, dass sie endlich ordentliche Kleidung bekommt (denn ihren Lohn muss die junge Frau ganz selbstverständlich daheim im Wirtshaus abgeben).

Aber dann kommen die Nazis, und Frau Michalek, die die Nachrichten genau verfolgt, geht, solange sie noch kann, emigriert nach Prag. Für Rosa beginnt erneut eine trostlose Zeit; zwischen Arbeit in der Nähstube und Arbeit daheim im Wirtshaus. Als ein älterer Witwer unvermittelt um ihre Hand anhält, stimmt sie schon alleine deshalb zu, um dem kalten Elternhaus zu entfliehen.

Er ist ein guter Mann für sie, dieser Ferdinand Müller. Aber er ist auch zu anderen gut, hilft denen, die fliehen wollen oder müssen, so gut er kann, bis er eines Tages selbst geholt wird und nie wieder zurückkehrt. Der Vater, in dessen Wirtshaus die SA und SS sich heimisch fühlt, will nicht helfen, auch nicht die Mutter, die viel ältere Schwester HIlde mit ihrem SA-Mann sowieso nicht.

Als sie dann auch noch ausgebombt wird, ist es eine Nachbarin, die sich ihrer annimmt, die sie aufpäppelt, an Kindes statt nimmt (ihr Sohn wurde ihr genommen und in Steinhof "an einer linksseitigen Lungenentzündung" ermordet). Sie stehen die Zeit bis Kriegsende durch, arbeiten danach als Trümmerfrauen, bis auch Gusti ihr wegstirbt, der Thyphus ist es, der sie holt.

Als Straßenbahnschaffnerin arbeitet sie danach, hat eine kleine Wohnung, lebt ein ruhiges Leben; sogar mit einem Teil der Familie kommt sie wieder zusammen, mit Lotte, ihrer ein Jahr älteren Nichte, deren Kinder sie liebt wie ihre eigenen, bis sie nicht mehr gebraucht wird.

Es ist das Schicksal einer einfachen Frau, die selbst nie besonders politisch war, die in ihrem Leben wenig LIebe erfahren hat und wenn, dann wurde sie ihr bald wieder entrissen, eine Frau, die wenig Aufhebens darum machte, was die Geschichte in ihrem Leben für Verwüstungen verursacht hat.

Mir hat dieses Buch nach einer kleinen Einlesezeit gut gefallen; wie man der Rahmenhandlung entnehmen kann, ist es auf einer wahren Geschichte aufgebaut. Es ist kein Buch, das wirklich von Widerstand erzählt, oder vom Kampf, eine aufrechte Gesinnung behalten zu können. Es ist eher ein Buch über einen Menschen, der nie irgendwo dazu gehört hatte und dem die neue Selbstherrlichkeit erst recht Angst machte. Das ist für mich auch ein wenig der Schwachpunkt des Romans; ich hätte manchmal ein bisschen mehr Konflikt, ein bisschen mehr Aufbegehren gelesen, aber das würde wohl auch nicht dem Charakter dieser Rosa entsprochen haben, die erst nach dem Tod ihres Ferdinands auch immer wieder einklagt, dass er zwar allen anderen geholfen habe, aber sie alleine gelassen hatte. Die Aufforderung, stolz auf ihn zu sein, sich wütend gegen die Täter zu stellen, ist an ihr verloren, das kann sie nicht, das ist sie nicht.

Es ist keine Heldengeschichte, die hier erzählt wird, nicht die Geschichte eines übermächtigen Geistes oder Mutes, sondern die Geschichte einer kleinen, ganz alltäglichen Frau, mit einem Schicksal, das sie mit vielen teilt, und das doch ganz einzigartig ist.

Ein Stück Zeitgeschichte

Renate Welsh

Auszug aus dem Titelverzeichnis / Rezensionen zu weiteren Büchern:


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