Stewart O´Nan - Halloween

Originaltitel: The Night Country
Roman. Rowohlt Verlag 2005
256 Seiten, ISBN: 3499240025

Eigentlich sollte es Brooks, dem Polizisten, gleichgültig sein, dass schon wieder Halloween ist, dass sich heute dieser Tag, bzw. diese Nacht, das erste Mal jährt. Er durchlebt sie ohnehin Nacht für Nacht erneut, kennt jeden Fehler, den er gemacht hat, kennt die Chancen, die er gehabt hätte, das Schicksal noch zu ändern.

Ihn begleiten sie häufig, Marco (der diese Geschichte hier erzählt), Danielle und Toe, der den Wagen fuhr, zu schnell fuhr, dem Brooks folgte. Dem Wagen, der die Kurve nicht bewältigte und sich stattdessen um den Baum wickelte. Marco, Toe und Danielle sind seither tot, nur mehr hier in der Kleinstadt Avon, wenn jemand sie durch seine Gedanken ruft.

Wie es auch Tim oft macht, vor allem mit Danielle. Sie war seine Freundin, sie saß an jenem Abend auf seinem Schoß. Er hat überlebt. Wie auch Kyle überlebt hat, wenn auch völlig entstellt und mit bleibendem Gehirnschaden. Wer von beiden ist besser dran?

Tim hat etwas vor an diesem Jahrestag, er hat es monatelang geplant; er hat etwas zu Ende zu bringen. Brooks hat Ahnungen und will es verhindern. Und die drei Toten sind dabei und locken auf ihre ganz eigene Weise…

In einem Interview habe ich gelesen, dass Stewart O´Nan zu diesem Buch durch eine reale Begebenheit in der amerikanischen Kleinstadt, in der er lebt, inspiriert wurde: ein Wagen voller Jugendlicher war an Halloween, nachdem sie wegen zu schnellen Fahrens von der Polizei verfolgt worden waren, gegen einen Baum geprallt, 3 Tote, 2 Überlebende - und ebenjene Überlebenden waren im Jahr darauf an Halloween ebenfalls mit dem Auto in diesen Baum gerast und dabei gestorben.

O´Nan gibt nun sowohl den Lebenden als auch den Toten eine Stimme; manchmal fragt man sich, wer davon allerdings wirklich noch am Leben ist, Tim jedenfalls ist fast nur noch eine funktionierende Hülle. Auch Brooks ist am Ende, seine Frau hat ihn verlassen, sein Haus muss er verkaufen, und ob man ihn noch länger im Dienst belassen wird, weiß er ebenfalls nicht. Kyles Mutter muss ebenfalls nun mit einem zwar sanftmütigen und lieben, aber eben nicht mehr wirklich präsenten Kyle leben.

Die Story an sich hätte mich jetzt wahrscheinlich nicht ganz so begeistert; aber wer schon einmal einen Roman von Stewart O´Nan gelesen hat kann wahrscheinlich nachvollziehen, dass die Art, WIE er es erzählt, absolut einzigartig ist.

Die Stimme der Toten ist wie eine Stimme aus dem Off, die sich immer wieder kommentierend einschaltet, die auf die Gedankenspiralen der Lebenden reagiert. Und auch die unterschiedliche Art des Gedenkens wird mit ganz wenigen Worten fühlbar - wenn zum Beispiel Kyles Mutter voll Mitleid an die Eltern von Marco und Danielle denkt, aber Toe, den Fahrer, übergeht, auch wenn sie ihm zugesteht, dass die Autopsie immerhin ergeben hat, dass er nicht betrunken war.

S. 13:"Es ist eine Täuschung, aber der Baum scheint vorzuspringen, scheint direkt auf uns zuzukommen, breit wie ein Sattelschlepper. Schrei, wenn du willst. Du wirst schnell feststellen, dass es zwecklos ist. Du wirst dich an uns erinnern und daran denken, dich zu veraschieden. Du wirst so rührselig werden wie unsere Freunde und diese Nacht und diese Fahrt als unser Leben hinstellen: die fünf Unzertrennlichen. Also halt die Augen offen. Schlag nicht die Hände vors Gesicht, wenn wir von der Straße abkommen und durch das hohe Unkraut schießen (das vom Kühlergrill gesiebt wird wie Weizen von einer Dreschmaschine). Denk daran, was passiert, wie es klingt und riecht und schmeckt. Genieß die Fahrt.
Hab ich dir´s nicht gesagt? Es gibt einen Grund, warum wir dich besuchen, warum diese Nacht immer wieder abläuft, ein Albtraum in einem Traum. Du hältst es für eine Qual, aber du weißt, dass es Gerechtigkeit ist. Du kennst den Grund. Du bist der Glückliche, weißt du? Du hast überlebt."


Es ist ein ganz eigenwilliger Erzählstil, eine Sprachmelodie, die sehr eigenartig ist und einen doch in Bann nimmt; wer das Glück hat, das wunderbare Hörspiel "Das Glück der anderen" zu kennen, wird vielleicht ebenso wie ich beim Lesen manchmal die Vorstellung haben, Matthes Stimme erzählen zu hören.

Die Kehrseite eines so eigenwilligen Stils ist, dass ich zumindest eine Weile gebraucht hatte, bis ich mich wirklich eingelesen hatte, bis ich die Personen zuordnen konnte. Aber O´Nan hat mich mit einer Stimme gefangen genommen, mit einer sehr unmittelbaren Ansprache, direkt als Leser, und mich damit ins Buch integriert - ich hatte keine Chance, ihm zu entrinnen.

Dieser Autor ist wirklich ein Ausnahmeautor; in so vielen so unterschiedlichen Romanen habe ich ihn nun schon erlebt, und merke, dass er stilistisch immer brillanter wird UND dabei auch noch zu erzählen vermag.

Mich hat er jedenfalls mit Halloween nachhaltig beeindruckt.

Stewart O´Nan

Stewart O´Nan wurde in Pittsburgh geboren und wuchs in Boston auf. Er arbeitete als Flugzeugingenieur und studierte in Cornell Kunst. Heute lebt er mit seiner Frau uns seinen zwei Kindern in Avon, Connecticut. Für "Engel im Schnee" 1993 erhielt er den William -Faulkner - Preis.

Auszug aus dem Titelverzeichnis / Rezensionen zu weiteren Büchern:


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