Jean-Claude Izzo - Total Cheops (Marseille-Trilogie)

Originaltitel: Total Khepos
Krimi. Volk & Welt 1999
250 Seiten, ISBN: 3293201644

Fabio Montale ist ein kleiner Polizist in den Vorstädten von Marseille; kurze Zeit war er beruflich recht erfolgreich, als seine Brigade zur Bekämpfung der Kriminalität Jugendlicher im Focus stand, doch nun übernehmen intern immer mehr die anderen die Macht; die, die auf größere Fische aus sind, auf Drogendealer, Zuhälter... und die leider auch meist sehr fremdenfeindlich sind.

Fremdenfeindlich, und das in einer Stadt wie Marseille, die seit jeher ein Schmelztiegel aller Nationen war; Fabio Montale, selbst Sohn italienischer Einwanderer, versteht diesen Gedanken nicht.

Aber momentan plagen ihn ohnehin ganz andere Probleme. Sein Jugendfreund Ugo war tot; auf der Straße von Polizisten in den Rücken geschossen worden, angeblich, weil er eine Waffe gezogen hatte. Doch Montale will diesen Fall aufklären. Dass Ugo kurz davor einen stadtbekannten Gangster erschossen hatte, nachdem er den Tipp erhalten hatte, dieser sei für den Tod Manus verantwortlich, den Dritten aus der ehemaligen Jugendbande, führt Montale zu einer Reihe von weiteren Fragen.

Wer hatte ein Interesse daran, Zucca aus dem Weg zu räumen? Und was hat der Tod Leilas damit zu tun, einer jungen Frau, zu jung, für ihn, Montale, die ihn dennoch geliebt hatte? Die vergewaltigt und verstümmelt in einem Graben gefunden wird?

Die Krimihandlung bezieht ihre Spannung stark aus dem dem Milieu der Bandenkriege und Mafiaverwicklungen. Aber was dieses Buch wirklich interessant macht ist die Schilderung der Stadt Marseille mit ihren Bewohnern. Es ist kein geschönter Reiseführerblick, mit dem dem Leser die Stadt vorgeführt wird; auch wenn man die Liebe des Autors zu ihren Schönheiten aus jeder Zeile spüren kann. Aber er zeigt auch die negativen Seiten, zeigt die Gewalt, die sich aus der wirtschaftlichen Misere herausgebildet hat, zeigt, wie in einer Stadt, in der fast jeder irgendwann irgendwoher eingewandert ist, der Fremdenhass wütet.

Nein, Izzo spielt nicht vor, dass es das früher nicht gegeben hätte. Aber er zeigt auch, dass zu Zeiten, als noch genug Arbeit und Hoffnung da war, die Integration besser funktionierte.

Für mich war alles das, was er über den Zulauf der Rechten in dieser Gegend schrieb und über die Gründe, warum die Vorstädte anfangen zu brennen, eigentlich interessanter als die Krimihandlung an sich, auch wenn Montale als Hauptfigur ausgesprochen gut gezeichnet ist, ein Sympathieträger mit vielen Ecken, an denen man sich stoßen kann, mit einer Vergangenheit, die ihn nicht gerade zum prädestinierten Polizisten macht. Auch die Liebe kommt natürlich nicht zu kurz - weder zu den Frauen noch zum Essen.

Aber anders als zB bei Donna Leons Brunetti kocht Montale hier selbst - und wesentlich unaufdringlicher. Dass dieser Genuss von gutem Essen, und auch die Zubereitung desselben, für diesen Protagonisten ein Mittel ist, sich zu sammeln, ist wirklich toll dargestellt.

Jean-Claude Izzo

Jean-Claude Izzo (* 20. Juni 1945 in Marseille; † 26. Januar 2000 in Marseille) war ein französischer Journalist und Schriftsteller.

Auszug aus dem Titelverzeichnis / Rezensionen zu weiteren Büchern:


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