Antonia S. Byatt - Stilleben

Originaltitel: Still Life
Roman. Suhrkamp Verlag 2002
490 Seiten, ISBN: 3518399195

Großbritannien in den fünfziger Jahren: Frauen müssen sich sehr früh schon entweder für eine Karriere oder einen Beruf entscheiden.

Bei den Potters sind es die beiden Schwestern Stephanie und Frederica, die die beiden Gegenpole vertreten. Stephanie, die Ältere der Beiden, hat sich für die Ehe mit einem Hilfspfarrer entschieden, während Frederica gerade ihr Studium beginnt.

Eingebettet in einen sehr ausführlichen Bericht über das Geistesleben der damaligen Zeit, über philosophische Strömungen, über Kunstbetrachtungen, über die literarische Szene, erlebt man als Leser vor allem auch mit, wie entgegengesetzt sich das Leben der Schwestern entwickelt.

Frederica macht sich bald einen Namen, lernt Menschen kennen, lebt sich auch sexuell aus, ohne sich dabei zu verlieben; Stephanie hingegen wird schwanger, muss die Schwiegermutter im Haus mitversorgen, sowie ihren Bruder, der einen nervlichen Zusammenbruch hinter sich hat...

Das Buch lebt nicht alleine vom Gegensatz zwischen diesen unterschiedlichen Lebensentwürfen. In vieler Hinsicht hätte es einen besseren, gebildeteren Leser als mich verdient gehabt; die langen Passagen, in denen die Zeitströmungen erörtert werden, waren für mich zum Teil recht trocken. Auch verstehe ich viel zu wenig von Kunst, um jetzt beurteilen zu können, ob die Kommentare der Autorin dazu nun zutreffend, originell oder was auch immer sind. Was ich aber sagen kann: Van Gogh nimmt in diesem Roman einen wichtigen Platz ein, besonders sein Verhältnis zu Gaugin; für mich war das spannend zu lesen und hat zum Gesamtkonzept des Romans hervorragend gepasst.

Nun aber zu den Punkten, die mich an diesem Roman wirklich begeistert haben: und zwar die Art und Weise, wie die Autorin ihre Frauenfiguren lebendig werden lässt, vor allem aber Stephanie. Eine intelligente Frau mit vielen intellektuellen Interessen, die sich mehr und mehr in die Rolle einer Bedürfnisbefriedigerin gedrängt sieht; die noch versucht, vor der Geburt Woodsworth zu lesen, aber im Alltag immer weniger Gelegenheit findet, sich - auch mit ihrem Mann - wirklich auszutauschen, die das Gefühl hat, die Sprache zu verlieren. Auch wie sie die Gedanken vor der Geburt schildert, die Erfahrung an sich, das habe ich auf diese Weise noch nie gelesen.

Aus diesem Grund eine wirklich Empfehlung für ein Buch, auf das man sich zwar einlassen muss, und eventuell auch mit längeren Passagen leben können muss, die man als intellektuellen Überbau bezeichnen könnte!

Antonia S. Byatt

Antonia S. Byatt, geb. 1936, wurde mit zahlreichen Literaturpreisen ausgezeichnet, darunter der Booker-Prize 1990. 1999 wurde sie von der englischen Königin zur "Dame Commander of the British Empire" ernannt.

Auszug aus dem Titelverzeichnis / Rezensionen zu weiteren Büchern:


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