Alfred Andersch - Der Vater eines Mörders. Gelesen von Hans Korte

Originaltitel: Der Vater eines Mörders. Gelesen von Hans Korte
Hörbuch - Roman. Diogenes 2006
2 CDs, ISBN: 3257800053

Wir schreiben das Jahr 1928; Franz Kien, ein Alter Ego des Autors, besucht das Wittelsbacher Gymnasium in München. Mit mäßigem Erfolg; nicht, dass er dumm gewesen wäre, aber er war faul und hatte keinen Spaß daran, zu lernen, zumindest nicht so, wie es in der Schule von ihm erwartet wurde.

Speziell den Griechischunterricht empfand er als dröge; umso schlimmer, als dann an einem Morgen, kaum hatte der Unterricht begonnen, der Rex hereinspazierte. Der Rex - das ist der Schuldirektor Himmler, und was nun folgen würde war klar: eine Inspektion der Klasse, des Lehrers wie auch der Schüler.

Anfangs kann Kien sich noch zurücklehnen und das gebotene Schauspiel genießen: den Aufruf des Klassenprimus, an dem der Rex aber nicht interessiert war, vor allem aber den Disput, der sich zwischen dem jungen Freiherrn von Graf und dem Rex entspann, eine Fortsetzung der Aufmüpfigkeit, die ihr Mitschüler sich schon gegen den Klassenlehrer geleistet hatte.

Doch dann erwischt es ihn selbst - und während er sich noch an die Worte seines Vaters erinnert, der ihn vor dem alten Himmler gewarnt hatte, den er, im Gegensatz zu dessen Sohn, nicht mochte, nicht traute, während der junge Himmler sich bei den Nationalsozialisten engagierte und für eine gute Sache einstand - während dies und noch mehr durch seinen Kopf ging, was die Stimmungslage jener Zeit widerspiegelt, erlebt er seine völlige Demontation im Unterricht, die dann auch noch mit dem Rauswurf aus dem Gymnasium endete.

Nur im Titel wird wirklich darauf Bezug genommen, dass es sich nicht um "irgendeinen" Himmler handelt, sondern um den Vater Heinrich Himmlers, unter dessen Leitung die Schule zu der Zeit stand, als Andersch sie besuchte. Andersch hat diese Erzählung kurz vor seinem Tod geschrieben, in den späten Siebzigerjahren; er wollte aus literarischer Sicht keine Vorblende in die Zukunft unternehmen, zumal der Name Himmler ja auch für sich spricht und man nicht erst erzählen muss, was dieser in den folgenden Jahren tun sollte.

Dieser Aspekt war für mich dann auch der interessanteste an diesem Hörbuch: wie war die Stimmung jener Zeit, welche ungefilterten politischen Einstellungen nahmen die Schüler über ihr Elternhaus mit, wie entstand die Begeisterung für Hitler, aus welchem Umfeld rekrutierten sich seine Anhänger. Auch der junge Schüler Kien wächst damit auf, dass über Menschen wie den alten Himmler als "Etappenhengste" abfällig gesprochen wird, dass die Eltern Hoffnung in die neue Partei setzen, die auf die Probleme der ehemaligen Frontsoldaten eingeht.

Insgesamt jedoch empfand ich die Erzählung als ausgesprochen redundant. Immer, wenn in direkter Rede ein auch nur halbwegs doppeldeutiger Satz, ja, auch nur ein Wort! fällt, wird das in ausschweifender Manier wiederholt, klar herausgegriffen, auch für den Dümmsten die gemeinte Bedeutung herausgemeißelt. Das hat mich beim Hören ausgesprochen gestört!

Noch kurz zum Sprecher: eigentlich wird die Geschichte ja aus der Perspektive eines Jugendlichen, eines Schülers erzählt. Dass die Stimme von Hans Korte trotzdem nicht unpassend wirkt, liegt daran, dass der Text an sich für mich schon antiquiert wirkte, und die doch schon recht deutlich nach alter Mann (wenn auch immer noch volltönende) Bassstime Hans Kortes dazu passt.

Für mich, die ich bislang noch nichts von Andersch gelesen hatte, ein guter Einstieg, um mich mit der Art seines Schreibstils ein wenig vertraut zu machen; aber inwieweit ich mit dieser auf mich derzeit etwas verstaubt wirkenden Erzählweise wirklich anfreunden kann, muss sich erst herausstellen.

Alfred Andersch

Auszug aus dem Titelverzeichnis / Rezensionen zu weiteren Büchern:


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