Siri Hustvedt - Die Leiden eines Amerikaners

Originaltitel: The Sorrows of an American
Roman. Rowohlt Verlag 2008
416 Seiten, ISBN: 3498029851

Nach dem Tod des Vaters sichten Erik und seine Schwester Inga dessen Arbeitszimmer, archivieren seine Notizbücher, seine Briefe und Tagebücher. Und dazwischen, als wäre es seine Absicht gewesen, dass sie es finden, ein Brief, der auf ein lange zurückliegendes Geheimnis verweist:

Lieber Lars, ich weiß, du wirst nie ein Sterbenswörtchen darüber sagen, was passiert ist. Wir haben es auf die BIBEL geschworen. Es spielt ja jetzt keine Rolle mehr, wo sie im Himmel ist, und für die anderen hier auf Erden auch nicht. Ich glaube an dein Versprechen. Lisa.


Neugieirg geworden, beginnen sie, in seiner Vergangenheit nachzuforschen, diese Lisa ausfindig zu machen. Die Tagebücher des Vaters zu lesen, in denen er von der Weltwirtschaftskrise berichtet, dem Erleben in diesem von Norwegern besiedelten Teil der USA; von seinen Kriegserlebnissen, aber auch von der ersten Zeit danach.

Aber so, wie der Vater seine Dämonen nicht immer vertreiben konnte, oft für Stunden verschwand, um ihnen Herr zu werden, so haben auch Erik und Inga ihre Geister aus der Vergangenheit. Inga trauert immer noch um ihren vor einigen Jahren verstorbenen Mann, einen berühmten Schriftsteller; dieser ist nach wie vor für die Presse interessant, die gerade wieder in seinem Leben herumschnüffelt und dabei schmutzige Details zu Tage fördert, die Inga nicht nur um ihres eigenen Seelenheils, sondern auch ihrer Tochter willen lieber nicht gewusst hätte.

Und Erik? Erik verliebt sich in die schöne Jamaikanerin, die mit ihrer Tochter in die kleine Wohnung in seinem Haus zieht; doch während die Tochter zu ihm sofort Zutrauen fasst,gibt es um die Mutter ein dunkles Geheimins…

Es sind viele schöne Einzelgeschichten, aus denen sich dieser Roman zusammensetzt. Die Tagebücher des Vaters sind weitgehend dem tatsächlichen Nachlass von Siri Hustvedts Vater entnommen; sie hatte dieses Haus, diese Ansiedlung im mittleren Westen, die so stark von ehemaligen Norwegern geprägt wurde, auch schon in ihren Essays beschrieben. Leider wirkt gerade dieser Handlungsstrang hier in diesem Kontext des Romans auf mich sehr unmotiviert; die Suche nach dem verborgenen Geheimins, mit dem der Leser anfangs in die Geschichte hineingezogen wird, enthält im Endeffekt nur wenig Elemente eines Spannungsfaktors, die Wirkung verpufft. Dabei gibt es auch hier eine großartige Szene, als nämlich die Puppen gezeigt werden, deren Geschichten erzählt werden; tolle Idee, toll umgesetzt, auch wenn vieles davon an die Installationen Bills aus "Was ich liebte" erinnert.

Und so geht es weiter; die schöne Untermieterin hat einen Exfreund, der zu extremen Aktionen neigt, die er dann künstlerisch verwertet; Inga wird mit Liebesbriefen von Max konfrontiert, die auch von der Presse begehrt werden, was zu einem absurden Wettrennen führt und einen alten Freund Eriks in seltsamer Rolle ins Geschehen bringt… (natürlich darf übrigens auch ein Bezug auf 9/11 nicht fehlen, aber darauf wollte ich hier nicht auch noch eingehen).

Auf mich wirkte dieser Roman an vielen Stellen wie Stückwerk; so gut mir einzelne Passagen gefielen, so einfühlsam manche Figur gezeichnet war, so blieb doch jeder Szenenwechsel wieder wie ein Sprung, erwuchs aus dem Nebenher der einzelnen Erzählstränge nichts, was sich wirklich gegenseitig bedungen hätte, und zwar, obwohl die Grundthematik mit den aufzudeckenden Geheimnissen, mit dem Verändern von Geschichte durch Erinnern etc. eigentlich ein verbindendes Element hätte darstellen müssen.

Gerade auch wenn man Hustvedts letzte Essays gelesen hatte kamen einem viele Einzelpassagen auch wie bereits gelesen vor; dazu verwendet sie auch so manches Motiv aus "Was ich liebte" erneut.

Besonders gemessen an diesem ihren letzten, großartigen Roman, fällt dieser hier deutlich ab.Was dennoch nicht bedeutet, dass es sich um einen schlechten Roman handelt; nur eben nicht um einen so guten, wie die Autorin eigentlich in der Lage wäre zu schreiben.

Siri Hustvedt

Siri Hustvedt wurde 1955 in Northfield, Minnesota, geboren. Sie studierte englische Literatur an der New Yorker Columbia-Universität und promovierte mit einer Arbeit über Charles Dickens. Sie ist mit Paul Auster verheiratet, lebt in Brooklyn und hat einen Stiefsohn und eine Tochter, Sophie Auster.

Auszug aus dem Titelverzeichnis / Rezensionen zu weiteren Büchern:


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