Carla Guelfenbein - Die Frau unseres Lebens

Originaltitel: La mujer de mi vida
Roman. Insel Verlag 2008
300 Seiten, ISBN: 3458173862

Fünfzehn Jahre lang hatte er nichts mehr von Antonio gehört. Fünfzehn Jahre lang hatte dieser geschwiegen, hatte Theo mit seinen Schuldgefühlen, seiner Wut und auch seiner Trauer allein gelassen. Und nun also ganz plötzlich dieser Anruf, die Einladung, Weihnachten bei Antonio in Chile zu verbringen.

Wovon Antonio bei dieser Einladung allerdings nicht sprach, und was auch Theo nicht anzusprechen wagte: würde sie auch da sein? Sie - Clara, die Frau, die Theo einen Sommer lang lieben durfte, und die gemeinsam mit Antonio aus seinem Leben verschwunden war?

Das Wiedersehen endet dramatisch - der Schock darüber, und auch die großen Veränderungen, die sich im Leben von Theos bei der Mutter lebender Tochter abzeichen, führen dazu, dass er nicht nur die Vergangenheit überdenkt, sondern auch sein rastloses Dasein als Kriegsberichtsreporter in Frage stellt.

Chile, die Militärdiktatur, die Hoffnung, etwas unternehmen zu können, das war es, was Antonio in seinen Jahren im Exil in England geprägt hatte. Hat er, als er endlich zurückkonnte, wiedergefunden, was er vermisste?

Die zwei Zeitebenen dieses Romans lassen einen eindeutigen Schwerpunkt nicht zu; während man noch versucht zu ergründen, was so gehörig schief ging in jenem Sommer in England, wird man schon wieder weggetrieben in die Konflikte der Gegenwart, die zwar im weitesten Sinne in der Vergangenheit wurzeln mögen, aber nicht in aktuellem Zusammenhang zueinander stehen.

Der Verrat an der Freundschaft, der aus Liebe begangen wurde - das war ein Thema, das ich ausgesprochen spannend fand, und das auch gut ausgearbeitet wurde. Dass es dann auch noch diese Beziehung zu Clara geben musste, die beiden Männern verbunden war - das empfand ich letztendlich als zu aufgesetzt, vor allem nicht von einer so großen Relevanz, wie der Titel es vermuten ließe.

Dennoch - ein Buch, das ein gutes Ausgangsthema hatte, dem Anspruch aber nicht ganz gerecht wurde.

Carla Guelfenbein

1959 in Santiago de Chile geboren. Das Regime Pinochets trieb sie ins Exil nach England, wo sie Biologie und Design studierte. Nach elf Jahren kehrte sie in ihr Heimatland zurück, wo sie heute als Schriftstellerin und Drehbuchautorin lebt.

Auszug aus dem Titelverzeichnis / Rezensionen zu weiteren Büchern:


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