Daniel Kehlmann - Beerholms Vorstellung

Originaltitel: Beerholms Vorstellung
Roman. Rowohlt Verlag 2007
256 Seiten, ISBN: 3499245493

Kartentricks waren der erste Berührungspunkt Beerholms mit dem Metier, in dem er Jahre später so erfolgreich werden sollte. Doch bis dahin war noch ein weiter Weg für den Jungen, der von seinem Adoptivvater ins Internat abgeschoben worden war, als er sich - Jahre nach dem tragischen Blitztod seiner Frau - erneut verheiraten wollte.

Es blieb ein distanziertes, doch wohlwollendes Verhältnis; der junge Beerholm wuchs mit der Vorstellung von Reichtum auf, und mit der Gewissheit, mit seiner Zukunft machen zu können, was er wollte.

Nicht einmal seinem Studienwunsch wurde etwas entgegen gesetzt. Dabei war der, für einen jungen Mann in seiner Lage, überraschend genug - ausgerechnet Theologie faszinierte ihn.

Im Roman gibt es nun die erste jener Stellen, an denen man im Lesefluss innehält; denn das, was Beerholm nun schildert, ist ein Gespräch mit einer Traumfigur, die ganz rasch Realität wird, mit einem blinden Pater, der fortan sein Lehrer werden wird, sein Mentor.

Beerholm absolviert sein Studium; seine mannigfaltigen, auch wertvollen, Bücher über Magie hat er weggesperrt. Doch als er ein Plakat mit der Ankündigung einer Vorstellung sieht von einem, den er aus der Ferne stets bewunderte, geht er hin; und wieder verschwimmt die Grenze...

Beerholm wird noch ein Magier werden, wird bei diesem Mann in die Lehre gehen, wird unglaublichen Erfolg haben - und sich dann, selbst vernichten, ähnlich, wie auch Merlin seine Vernichtung durch Nimue erfand.

Es ist ein wunderbares, ungeheures Gedankengespinst; die Allmacht, von selbstgeschaffenen Figuren geleitet, geführt, in den Untergang gerissen zu werden. Und stets will dieser Beerholm mehr, will hinter das Geheimnis kommen, hinter die Mathematik, die für ihn fast Glaubensbekenntnis ist.

Es ist eine wunderbare Vermischung aus abstrakter Mathematik (von der ich nichts verstehe, aber das ist in diesem Roman unwesentlich), von Theologie, von Mystik - ein Roman, der mich fasziniert, wenn auch nicht emotional berührt. Ein sehr (vielleicht auch nur möchtegern-) kopflastiges Werk, das ich mit großem Vergnügen und Gewinn gelesen habe.

Daniel Kehlmann

Daniel Kehlmann, geboren 1975 in München, lebt in Wien und studierte dort Philosophie und Literaturwissenschaft.

Auszug aus dem Titelverzeichnis / Rezensionen zu weiteren Büchern:


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