Esmahan Aykol - Goodbye Istanbul

Originaltitel: Savrulanlar
Roman. Diogenes 2007
384 Seiten, ISBN: 3257065698

Gleich der nächste Roman, den ich gelesen hatte, hat als Aufhänger ebenfalls mit dem Ende einer langen, verbotenen Beziehung zu tun:

Eces Entschluss, Istanbul zu verlassen und stattdessen nach London zu ziehen, ist ihrer Familie unverständlich. Andererseits sind sie auch froh, dass nun eine Person weniger in der engen Wohnung lebt. Ihr Vater ist sicher, sie würde ohnehin - wie auch ihre Schwestern - innerhalb kürzester Zeit wieder angekrochen kommen.

Doch Ece hat ihre Gründe - sie will endlich Tamer vergessen, den Mann, mit dem sie sich die letzten 8 Jahre immer nur heimlich getroffen hatte, da er ja verheiratet war. Natürlich wolle er sie heiraten, nur das Kind müsse erst noch etwas größer werden, damit hatte er sie immer vertröstet; doch als seine Frau nun erneut schwanger war, war für Ece endlich klar, dass sie von hier fort musste.

Doch London ist nicht so, wie es die Verwandten, die es dorthin verschlagen hatte, zu Hause hatten glauben machen. Keine Villen, keine teuren Autos, keine fabelhaften Jobs - stattdessen schlägt sich ihre Cousine, bei der Ece dann unterkommt, gerade mal so als Tellerwäscherin durch.

Ece will eigentlich nur noch vergessen. Tamer vergessen. Doch sie merkt, dass die Erinnerungen an ihn untrennbar verbunden sind mit unzähligen anderen Erinnerungen, die sie nicht verlorengehenlassen will; und so beginnt sie, ihrer Cousine das zu erzählen, was einst ihr Großvater ihr in den vielen Stunden erzählte, die sie zusammen verbrachten.

Sie erzählt ihr von der Herkunft der Familie, von Armeniern, Krieg und Leid, davon, dass es nie ein unschuldiges Volk geben kann. Sie erzählt ihr die Märchen und Sagen, die sie von ihrem Großvater kennt, erzählt, ihr, wie er das auf die eigene Familie ummünzte, erzählt davon, wie dieser Mann sich eine Existenz als Goldschmied aufgebaut hatte.

Nur eines erzählt sie ihrer Cousine nicht: dass dieser Großvater nur ihr, seiner Lieblingsenkelin, ein so großes finanzielles Polster hinterlassen hat, dass sie es sich leisten kann, in dieser teuren Stadt zu leben, ohne sich in die Tretmühle als illegaler Tellerwäscher zu begeben...

Und während Ece noch eifrig dabei ist, ihre rudimentären Englischkenntnisse mit allen zu erweitern, die ihr das ermöglichen, heilt auch ihr Herz...

Die Autorin war bislang eigentlich mit ihren Istanbul-Krimis bekannt geworden; und auch wenn der Titel vermuten lässt, es würde sich vielleicht um eine Fortsetzung dieser Reihe handeln, ist dem nicht so.

Mit Goodbye, Istanbul versucht die Autorin, einen ganz großen Bogen zu schlagen vom Genozid an den Armeniern bis zu den heutigen Migranten. Auch wenn ich der Meinung bin, dass sie sich hier an mancher Stelle einfach ein bisschen zu viel für einen doch vom Umfang recht überschaubaren Roman aufgebürdet hat: ich habe es gerne gelesen. Die Klammer zwischen der Gegenwart und der Vergangenheit erschien mir zwar sehr konstruiert, man spürte das Handwerk überall durch, aber es hat mich genug interessiert, um es mich beim Lesen vergessen zu machen.

Wer sich ein wenig für Geschichte interessiert und sie sich gerne in Form einer tragische Familiengeschichte vorsetzen lässt, der wird auch an diesem Buch sicher Gefallen finden.

Esmahan Aykol

Esmahan Aykol, 1970 in Edirne in der Türkei geboren, lebt heute in Berlin und Istanbul. Während des Jurastudiums arbeitete sie als Journalistin für verschiedene türkische Zeitungen und Radiosender. Später eröffnete sie zusammen mit einer Freundin eine Bar, die bald Pleite ging. Die Freundin eröffnete anschließend eine Buchhandlung, und Esmahan Aykol schrieb einen Roman, der in dieser Buchhandlung (sowie in der ganzen Türkei) reißenden Absatz fand: Hotel Bosporus

Auszug aus dem Titelverzeichnis / Rezensionen zu weiteren Büchern:


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