Ludwig Laher - Herzfleischentartung

Originaltitel: Herzfleischentartung
Roman. dtv Der TaschenbuchVerlag 2005
191 Seiten, ISBN: 3423133198

Dass 1940 im innviertlerischen St. Pantaleon ein SA-Arbeitserziehungslager, und danach ein "Zigeuneranhaltelager" existierte, davon wird heute nicht mehr geredet.

In halb dokumentarischer, halb romanhafter Erzählung lässt Ludwig Laher das Lager und die Insassen wieder zu Wort kommen; er gibt ihnen Namen, diesen Menschen, die da aus den unterschiedlichsten fadenscheinigen Gründen interniert und in sehr vielen Fällen zu Tode gequält wurden (erschauern lässt einen danach die Aussage eines Insassen, der später nach Mauthausen kam und es dort als humaner empfand...)

Ein Arzt, der Gemeindearzt, ist es, der immer wieder hierher gerufen wird und die SPuren der Tritte und Knüppelschläge als Arbeitsunfälle abrechnen soll - schließlich, auch das ein aus heutiger Sicht geradezu makabres Detail, waren die ersten Insassen des Lagers ja noch krankenversichert als sie an der Trockenlegung des Moores arbeiteten - und der dann, bei einem besondres brutalen Fall, der tödlich endete, tatsächlich schafft, durch seinen Totenschein eine Ermittlung gegen die Totschläger, die SA-Leute, zu erwirken.

Eine offizielle Ermittlung gegen Nazischergen in den vierziger Jahren? Man mag es kaum glauben, dass so eine stattgefunden hat! Und das ist auch der einzige inhaltliche LIchtblick in diesem ansonsten sehr deprimierenden Buch: es gab tatsächlich Menschen, die den Mut hatten, sich gegen die Gesetzesverdreher zu wenden, die - vielleicht naiv - der Meinung waren, dass Gesetze für alle gleich gelten.

Wie dieser Fall dann ausging, was tatsächlich daraus wurde, will ich hier noch nicht vorwegnehmen.

Auch wenn ich stilistisch mit dem Buch nicht so ganz klargekommen bin, weil mir einerseits das halbdokumentarische mal zu nüchterne Aufzählungen bot, dann wieder in die andere Richtung zu viel Interpretation, war es trotzdem ein ausgesprochen wichtiges Buch für mich, weil ich wieder einen für mich neuen Aspekt aus der NS-Zeit kennengelernt habe.

Und daher von meiner Seite auf alle Fälle eine Empfehlung an alle zeitgeschichtlich interessierten!

Ludwig Laher

Auszug aus dem Titelverzeichnis / Rezensionen zu weiteren Büchern:


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