Andrea Levy - Eine englische Art von Glück

Originaltitel: Small Island
Roman. Eichborn Verlag 2007
560 Seiten, ISBN: 3821857722

Eines steht für Hortense fest: sie wird eines Tages nach England gehen, um dort als Lehrerin zu arbeiten. Ihre Aussprache war an ihrer Schule seit jeher gerühmt worden, sie hatte nur die besten Referenzen; was also sollte dem im Wege stehen?

Als sie den ihr an sich unsymphatischen Gilbert Joseph trifft, der im Krieg in England stationiert war (wie auch Hortenses unerwiderte Jugendliebe) und dieser ihr erzählt, wie gerne er zurück möchte, weil dort alle Chancen offen seien, da geht sie mit ihm ein Geschäft ein: er soll sie heiraten, dafür würde sie ihm das für die Überfahrt nötige Geld vorstrecken. Und danach, sobald er ein Heim für sie geschaffen hätte, würde sie nachkommen.

Dieses Nachkommen dauert länger als Hortense es sich hätte vorstellen können. Und ihr Mann holt sie auch nicht, wie sie erwartet hatte, vom Hafen ab; nein, alleine muss sie sich durchschlagen bis zu dem Haus, in dem er wohnt. Und davon ist sie nun endgültig entsetzt: in dieser Bruchbude, in diesem winzigen, schäbigen Zimmer, soll sie wohnen?

Dass sie es nur dem Umstand, dass Gilbert während des Krieges Queenies Schwiegervater einmal zu ihr zurückgebracht hatte und sie deshalb immer noch ein Gefühl der Dankbarkeit ihm gegenüber empfand zu verdanken hatten, dass sie hier wohnen durften, war für sie unvorstellbar. Schließlich war England doch ihrer aller Mutterland, oder etwa nicht? Doch die Erfahrung, dass sie während des Krieges zwar kameradschaftlich behandelt, auf alle FÄlle deutlich besser als es ihren schwarzen amerikanischen Soldaten in deren Kasernen erging, aber nun nach dem Krieg doch als Menschen zweiter Klasse behandelt wurden, hatte auch Gilbert auf schmerzhafte Weise gemacht.

Parallel dazu wird Queenies Geschichte erzählt; die einer jungen Frau, die es besser haben sollte als die Generationen vor ihr, die einen Mann heiratete, den sie nicht liebte, aber anfangs zumindest achtete; die erst im Krieg, durch einen anderen Mann, einen Jamaikaner, erleben durfte, was Lust und Leidenschaft war. Ob ihr Mann tatsächlich jemals aus dem Krieg nach Hause kehrt, das kann sie nicht mehr beantworten. Auch wenn die Truppe, der er in Indien zugeordnet war, zu den letzten abgemusterten gehörte, hätte er dennoch schon längst zurück sein müssen.

Auch seine Geschichte erfährt der Leser dann noch; es war der Teil, der mir am wenigsten zugesagt hat, bei den ausführlichen Berichten über das Kriegsgeschehen in Indien, über diese Männergemeinschaft, wurde mir ziemlich langweilig. Dazu kam sicherlich, dass diese Figur mir sehr uninteressant erschien.

Es gab viele sehr interessante Passagen in diesem Roman. Die Erfahrungen, die Gilbert während des Krieges in England macht, die für ihn erste wirkliche Konfrontation mit Rassendiskriminierung in einem Land, das offiziell eine Rassentrennung zwar ablehnt, aber - da ja die Amerikaner im Land stationiert sind - genau diese Trennung doch gestatten, hat mich sehr nachdenklich gemacht und war mir in dieser Form noch nicht begegnet.

Die Erlebnisse nach dem Krieg, als sie zurückkehren bzw. in Hortenses Fall das erste Mal betreten, sehen müssen, wieviel schäbiger die Stadt London ist, als sie in ihrer Phantasie war, wie anders auch das Ansehen, das sie hier eben nicht genießen; das sind schon eher Begebenheiten, die man auch aus anderen Büchern kennt.

Ich habe den Roman in der deutschen Übersetzung gelesen; Bernhard Robben gibt selbst an, dass gerade die Übertragung des jamaikanischen Englisch hier eine besondere Herausforderung darstellte. Meiner Meinung nach ist ihm diese Übertragung sehr gut gelungen; es ist ein Buch, das sowohl humorvoll als auch traurig und dramatisch ist. Ganz kann ich die Begeisterung zb von Dora nicht teilen, aber es war auch für mich eine lohnende Lektüre.

Andrea Levy

Auszug aus dem Titelverzeichnis / Rezensionen zu weiteren Büchern:


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