Tatiana de Rosnay - Sarahs Schlüssel

Originaltitel: Elle s´appellait Sarah
Roman. Bloomsbury Berlin 2007
352 Seiten, ISBN: 3827007003

Obwohl Julia bereits seit 20 Jahren in Paris lebt, mit einem Franzosen verheiratet ist und akzentfrei französisch spricht, ist sie für die Pariser immer noch "die Amerikanerin". Sie arbeitet als Journalistin für ein Journal, das hauptsächlich von Exilamerikanern gelesen wird. Ihr aktueller Auftrag ist es, ein bisschen war über die Ereignisse im Velodrome d´Hiver im Juli 1942 zu schreiben; damals waren die Pariser Juden von der Pariser Polizei - nicht von den Nazis - zusammengetrieben und anschließend auf diverse Konzentrationslager verteilt worden, darunter viele Kinder. Und so gut wie niemand dieser 60.000 Menschen hatte überlebt.

Für Julia ist diese Information zur jüngeren Geschichte ihrer Wahlheimat neu; die Vorstellung, dass hier, in Paris, in dem Viertel, in das sie mit ihrem Mann und ihrer Tochter demnächst ziehen soll, etwas derartiges geschehen konnte, beschäftigt sie immens. Und die Reaktion ihrer Umgebung macht es ihr nicht leichter - kaum jemand scheint es überhaupt zu wissen, und wenn doch, dann wird es mit dem Kommentar, dass es doch so lange vorbei sei, abgetan.

Ihre Recherchen führen sie immer wieder in ihre neue Nachbarschaft; und bald schon findet sie heraus, dass auch die Wohnung der Großeltern ihres Mannes davor von einer jüdischen Familie bewohnt war, die im Juli 42 deportiert wurde. Und sie beginnt, nachzuforschen...

Im zweiten Erzählstrang erleben wir genau diese Geschichte aus der Perspektive eines zehnjährigen Mädchens. Als die Polizisten die Wohnung durchsuchen und sie alle abholen, versteckt sie ihren Bruder in einem Geheimverschlag in der WOhnung und nimmt den Schlüssel mit. Sie kann ja nicht ahnen, dass sie nicht in ein paar Stunden zurückkommen wird...

Dieser Erzählstrang in der Vergangenheit war für mich anfangs - trotz der wirklich dramatischen, anrührenden Geschichte - eher ein Lesehindernis, weil ich den Ton zu bemüht emotional empfand. Aber je weiter die Geschichte fortschreitet, umso besser gelingt es der Autorin, die Panik und den Mut dieses Kindes zu vermitteln.

Auch auf der anderen Erzählebene wird kräftig auf der Emotionsklaviatur gespielt; aber was mir dabei ganz beiläufig auch über den zeitgeschichtlichen Part vermittelt wurde hat diesen Roman für mich sehr lesenswert gemacht.

Ja, es ist Unterhaltungsliteratur über ein ernstes Thema. Aber es ist gut gemacht!

Tatiana de Rosnay

Auszug aus dem Titelverzeichnis / Rezensionen zu weiteren Büchern:


Neues aus dem LESELUST-Blog

Claude Lanzmann - Der patagonische Hase. Erinnerungen

Claude Lanzmann ist der Mann, der den Film "Shoah" geschaffen hat. Er hat als Filmemacher, Journalist, Lektor gearbeitet, sich schon in der Jugend in der Resistance organisiert, mit Simone de Beauvoir zusammengelebt, Angelika Schrobsdorff geheiratet… kurzum: ein ausgesprochen ereignisreiches Leben gelebt, von dem er in diesem Buch erzählt. Ein Zeitzeugnis, fürwahr - manchmal zwar aufgrund der Eitelkeit des Autors nur schwer erträglich, aber die letzten 200 Seiten, in denen er von der Enstehung seines Hauptwerks berichtet, lassen alle vorherigen Kritikpunkte zurücktreten. [..MEHR..]

Link zum Diskussionsforum

©02.04.2007 Daniela Ecker (Brezing) - - - Impressum - - - © 1998-2013 LESELUST Daniela & Markus Brezing