Annette Pehnt - Haus der Schildkröten

Originaltitel: Haus der Schildkröten
Roman. Piper Verlag 2006
183 Seiten, ISBN: 3492049389

Sonntag ist in Haus Ulmen der geschäftigste Tag; Kinder, Enkel sind zu Besuch, man isst Streuselkuchen, und dann sind sie wieder weg. Den Montag über wird noch wiederholt, was die Schwiegertochter gesagt hat, wie viel Arbeit der Enkelsohn hat, und dann ist es auch schon wieder vorbei, Haus Ulmen versinkt in der Monotonie.

Nur zwei der Heimbewohner erhalten Dienstags Besuch. Ernst besucht seinen Vater, den Professor, der auch hier im Heim noch seinen großen Schreibtisch mit Papier übersät hat, der ununterbrochen an der Arbeit ist, vor sich hin schreibt, große Gedanken wälzt; auch wenn das, was er schreibt, keinen Sinn mehr ergibt, und er sich häufig genug nicht mehr erinnern kann, wer Ernst eigentlich ist und was sie beim letzten Mal besprochen hatten.

Reginas Mutter ist nicht mehr in der Lage zu sprechen; nach einem Schlaganfall an den Rollstuhl gefesselt, ist sie dem Redeschwall ihrer Tochter nahezu hilflos ausgeliefert, ihre Gedanken und vor allem ihre Kritik am Erscheinen letzterer aber brodeln dennoch in ihrem Kopf. Wie sie aussieht, warum sie nichts aus sich macht, die Angst, die Tochter könnte die wunderbaren Kleider weggeben; nichts davon kann sie ihrer Tochter mitteilen.

Dass Ernst und Regina über den Status des sich Zunickens an der Eingangstür von Haus Ulmen hinauskommen, ist nicht nur dem Zufall, sondern sicher auch dem gemeinsamen Grundgefühl von schlechtem Gewissen, Schuld, und nahezu unerträglicher Erleichterung beim Verlassen von Haus Ulmen geschuldet.

Eine zaghafte Beziehung beginnt; ein bisschen Sex, wenig Reden, Regina weicht davor zurück, Ernsts Tochter kennen zu lernen.

Ein gemeinsamer Urlaub - den haben wir uns verdient, jawohl, und die zwei Wochen ohne Besuch können doch nicht schlimm sein - entpuppt sich aber als traurige Angelegenheit…

Auf nicht mal 200 Seiten hat die Autorin in einer sehr schlichten, knappen Sprache die Trostlosigkeit derer gezeigt, die sich nicht mehr wehren können; und das Unvermögen derer, die es noch könnten, aber schon lange resigniert haben. Aus vielen kleinen Einzelheiten wird hier ein Bild zusammengesetzt.

Mir hat das Buch ausgesprochen gut gefallen, eine Empfehlung!

Annette Pehnt

Auszug aus dem Titelverzeichnis / Rezensionen zu weiteren Büchern:

  • Ich muss los
  • Insel 34
  • Der kleine Herr Jakobi
  • Haus der Schildkröten
  • Mobbing
  • Man kann sich auch wortlos aneinander gewöhnen, das muss gar nicht lange dauern

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