Louis Begley - Ehrensachen

Originaltitel: Matters of Honour
Roman. Suhrkamp Verlag 2007
444 Seiten, ISBN: 351841870X

Aus einem Interview in der FAZ entnehme ich, dass wir bald mit einem neuen Roman von Louis Begley rechnen dürfen (Matters of Honour erscheint am 16.01.07 in den USA).
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Ist in Ihrem neuen Roman „Ehrensachen“ die Hauptfigur denn wieder ein ehemaliger Anwalt wie „Schmidt“ oder ein Schriftsteller wie in „Schiffbruch“?
Nein, nein. Es geht um etwas anderes. Es geht um drei junge Männer, die sich in den fünfziger Jahren am College in Harvard kennenlernen. Sie alle wollen jemand anderes sein, als sie sind. Sie wollen sich, aus sehr verschiedenen Gründen, neu erfinden. Die Frage ist, welchen Preis sie dafür zu zahlen bereit sind. Gleichzeitig steht ihre Loyalität auf dem Spiel: den Eltern gegenüber, den Freunden, aber auch sich selbst gegenüber. Einer dieser jungen Männer hatte eine Kindheit im okkupierten Europa während der Nazizeit. Ich erzähle ihre Geschichte bis in die Gegenwart.
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Es ist eine ungleiche Gruppierung, die der Zufall da Anfang der Fünfziger in Harvard in einer Studentenwohnung bildet: Sam, Adoptivsohn eines angesehenen, wenn auch heruntergekommenen Elternhauses; Archie, Sohn eines Militärs, gewandt in der Gesellschaft; und dann noch Henry White, Sohn polnischer Immigranten.

Ist er Jude? Diese Frage taucht sofort auf, und Henry sieht sich von Anfang an mit ihr konfrontiert. Dabei fühlt er sich nicht jüdisch, aber "Solange es Leute gibt, die es kümmert, ob ich ein Jude bin, der vorgibt, keiner zu sein, so lange muss ich Jude bleiben, auch wenn ich mir innerlich nicht jüdischer vorkomme als ein geräucherter Schweineschinken. Wenn jemand mich fragt, muss ich sagen, dass ich Jude bin - es sei denn, diese Wahrheit bringt mich in ein Konzentrationslager oder kostet mich das Leben. Das bin ich mir schuldig, sonderbar für einen wie mich, der nicht glaubt, dass er irgendwem irgendwas schuldet. Aber es sit eine EHrensache für mich. Davon abgesehen, habe ich nicht vor, zur Schau zu stellen, dass ich Jude bin."

Sam ist es, der die Geschehnisse hier aufzeichnet; aus seiner Sicht erleben wir mit, wie sich die Freundschaft zwischen diesen drei so unglichen jungen Männern entwickelt, wie Henry sich schon am Tag des Einzugs unsterblich in Margot verliebt, aber immer der Meinung ist, nicht gut genug für sie zu sein.

Während aus Sam ein Schriftsteller wird, steigt Henry bald beruflich in schwindelerregende Höhen; dabei hat er das Risiko gewagt, sich außerhalb des für ihn gesellschaftlich vorgesehenen Rahmens zu bewegen. Er geht nach Europa, sein Stern steigt, vor allem durch die enge Freundschaft und Geschäftsbeziehung zu einem jungen Belgier. Doch es ist ein Aufstieg, der nicht ohne Verluste erfolgt...

Louis Begley ist auch mit diesem Roman - vor allem in der ersten Hälfte, die sehr detailliert die Studienjahre der drei Freunde beschreibt - ein wunderbarer Gesellschaftsroman gelungen, in dem er auch zeigt, dass es eben nicht genügt, sich selbst zu formen wie es der amerikanische Traum verspricht, sondern dass eine unsichtbare Schranke stets existiert.

Wo sind die Wurzeln, was passiert, wenn man versucht, sich davon zu lösen, was, wenn man sie gar nicht kennt? Es sind die großen Fragen zum Thema Identität, die Begley hier wieder in einen süffig zu lesenden Roman gepackt hat.

Louis Begley

Louis Begley wurde am 6. Oktober 1933 als Ludwik Beglejter in Polen geboren. Er studierte von 1952 bis 1959 in Harvard Literatur und Recht (gemeinsam mit John Updike). Seit 1959 arbeitet er als Anwalt. Seit 1993 ist er Präsident des amerikanischen PEN-Centers. Lügen in Zeiten des Krieges ist sein erster Roman, er wurde mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet, u.a. mit dem PEN/Ernest Hemmingway Foundation Award, The Irish-Aer Lingus International Ficiton Prize und dem Médicis Prix Etranger. Louis Begley lebt in New York

Auszug aus dem Titelverzeichnis / Rezensionen zu weiteren Büchern:


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