Qiu Xiaolong - Rote Ratten

Originaltitel: A Case of Two Cities
Krimi. Zsolnay Verlag 2007
384 Seiten, ISBN: 3552053794

Oberinspektor Chen wird diesmal mit einer Aufgabe betraut, die ebenso heikel wie gefährlich ist: er soll in einem Korruptionsfall gegen Mitglieder der eigenen Partei ermitteln.

Ein hoher Beamter war kurz davor schon auf höchst dubiose Weise ums Leben gekommen; Chen weiß also, dass er mit seinen Ermittlungen zum Fall Xing in einem Rattennest stochert.

Die Warnung, die er schon beim ersten informellen Gespräch mit einem von ihm Verdächtigen erhält ist denn auch nachhaltig: man ist sehr genau über sein Privatleben informiert, und seine Mutter, eine gebrechliche, alleine lebende Frau, in Gefahr.

Also geht Chen einerseits einen lauten, offiziellen Weg - und verfolgt seine eigentlichen Ermittlungen eher beiläufig im Hintergrund. Aus diesem Grund trifft er sich auch mit einer gutaussehenden Fernsehmoderatorin im Separee eines teuren Lokals, einem sogenannten Liebesnest. Er hat etwas gegen sie in der Hand, aber noch bevor er von ihr die benötigten Informationen erhält, ist sie auch schon tot. Ermordet, auch sie.

Und Chen? Der wird urplötzlich aufgefordert, mit einer Schriftstellerdelegation in die USA zu reisen, als Delegationsleiter. Will man ihn aus dem Weg haben?...

Auch in diesem vierten Fall von Oberinspektor Chen besteht der eigentliche Reiz nicht aus der Krimihandlung an sich, die ist in vielen Punkten dann auch mit geradezu hanebüchenen Auswüchsen versehen (ein Beispiel: es dauert zwar ewig, die Telefonnummern zu erfahren, die von einem bestimmten Telefon aus geführt wurden - aber die Inhalte dieser Gespräche, wörtlich transkribiert, die erhält man sofort mit dazu... ). Auch die Wendungen, die die Ermittlungen nehmen, sind an vielen Stellen unglaublich vorhersehbar.

Aber mich interessiert ja eher der moralische Konflikt, in dem Chen steckt: er ist einerseits treues Parteimitglied und glaubt auch nach wie vor, dass ein Sozialismus chinesischer Prägung eine gute Möglichkeit wäre - aber er ist gleichzeitig ein moralisch integrer Mensch und kann die Korruptionsfälle, die auch die Schere zwischen Reich und Arm immer weiter auseinanderklaffen lassen, nicht so ganz akzeptieren.

Toll sind die Kleinigkeiten. Wie zum Beispiel die Feststellung der chinesischen Delegation in den USA, dass zB Pizzahut in den Staaten eben eine billige Fastfoodkette ist, während es in China schon einen gehörigen Statusgewinn bedeutet, es sich leisten zu können, dort zu essen.

Auch die Art, wie Korruption stattfindet, erzählt der Autor anhand seines Krimifalles ganz anschaulich.

Aber was wirklich immer ärgerlicher wird ist die Schlampigkeit, mit der das Buch lektoriert (und an manchen Stellen auch übersetzt) wurde. Kommaregeln? Brauchen wir nicht, wir setzen einfach willkürlich in jeden Satz, der ein klein wenig komplexer ist, mindestens drei rein, irgendeines davon wird schon passen. Dazu unheimlich viele Flüchtigkeitsfehler (mehrere Person, um nur ein Beispiel zu nennen) - es macht wirklich keine Freude, beim Lesen dauernd darüber stolpern zu müssen. Für ein Hardcover wirklich nicht zumutbar, obwohl ich die Krimireihe ja nach wie vor schätze.

Qiu Xiaolong

Qiu Xiaolong wurde 1953 in Shanghai geboren. Er arbeitete als Übersetzer (zB von T.S. Eliot und W.B. Yeats), veröffentlichte Lyrik und Literaturkritiken. 1988 reiste er in die USA und beschloss nach dem Massaker am Tiananmen Platz, nicht nach China zurückzukehren. Seit 1994 lehrt er an der Washington Universität St. Louis chinesische Literatur und Sprache. Für "Tod einer roten Heldin" wurde er mit dem begehrten Anthony Award für den besten Debütroman ausgezeichnet.

Auszug aus dem Titelverzeichnis / Rezensionen zu weiteren Büchern:


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