Per Petterson - Im Kielwasser

Originaltitel: I kjolvannet
Roman. Hanser Literatur Verlag 2007
192 Seiten, ISBN: 3446208674

Arvid, der Ich-Erzähler dieses Romans, ist Schriftsteller. Zu Beginn treffen wir ihn vor der Tür der Buchhandlung, in der er viele Jahre gearbeitet hatte - vor der verschlossenen Tür, genauer gesagt, denn es ist sehr früh morgens, und Arvid ist betrunken, verletzt und weiß nicht so genau, was am vergangenen Abend eigentlich so alles passiert ist.

Dieser Mann, das merkt man schnell, steckt in einer Krise. In einer umfassenden Krise: er kommt mit seinem neuen Buch nicht voran, er ist in seiner sozialen Welt nicht mehr verankert, und er ringt immer noch mit seinem toten Vater.

Dieser Tod des Vaters beinhaltet den Verlust beinahe der ganzen Familie - bis auf ihn und seinen Bruder waren sie alle an Bord der Scandinavian Star, die bei der Überfahrt nach Dänemark brannte. Keiner hatte überlebt.

Die Beziehung zum Vater war nicht unproblematisch; die gegenseitige Anerkennung fehlte, und erst jetzt, nach seinem Tod, kann der Sohn sich annähern und auch das, was er verachtete, verstehen lernen.

Als Leser bleibt man, was die eigentlichen Ursachen des Konflikts betrifft, ein wenig im Unklaren. Auch wenn das teilweise befremdet, macht es doch auch einen gewissen Reiz des Romans aus: es ist unwichtig, Details zu erfahren, es zählt die Ambivalenz, die in dieser Beziehung steckt.

Der Roman ist auf zwei Zeitebenen angesiedelt: in der Gegenwart erzählt Arvid aus der Ich-Perspektive im Präsenz, das sind die Passagen, die voll gedrängter Unrast sind, voll Spannung und Zerissenheit, und auch die Teile, die trotz aller Detailtreue in Momentaufnahmen insgesamt am unschärfsten sind.

Hätte es nur die Gegenwart gegeben, ich wäre von diesem Buch ehrlich gesagt enttäuscht gewesen, denn schon die Erzählperspektive (1. Person Präsens) liegt mir nicht besonders, und auch die Art, wie der Autor damit umgeht, hat mich jetzt zwar nicht gestört, aber auch nicht wirklich begeistert.

Aber Arvid blickt ja zurück; auf seine Kindheit, auf sein Verhältnis zum Vater, auf seinen Bruder, auf die Reaktion nach der Unglücksnachricht, auf Besuche im Krankenhaus, kurz: auf ein ganzes, intensives Leben.

Diese langsam und ruhig erzählten Passagen sind für mich von einer derartigen Klarheit und Dichte, dass es mich zutiefst berührt hat.

Es ist ein sehr persönliches Buch, berichtet der Autor in einem Interview mit der Übersetzerin. Auch seine Familie kam bei diesem Brand ums Leben; wie weit der autobiographische Bezug sonst noch geht, war für mich beim Lesen unwichtig.

Es ist schon in der Grundstruktur des Romans verhindert, dass auch die Gegenwartserzählung mit der klärenden und schärfenden Distanz versehen wird, die für mich die Vorgeschichten so beeindruckend macht. Andererseits kann man diese Distanz auch als Versuch sehen, diese Geschichten nicht zu nah an sich heranrücken zu lassen, was durch die perfekte Erzählung vielleicht passieren kann. Wobei es mich als Leser damit sofort am Haken hatte.

Insgesamt bleiben ein wenig ambivalente Gefühle zurück; meine Begeisterung für "Pferde stehlen" wurde mit diesem Buch nicht wiederholt.

Per Petterson

Per Petterson, geboren 1952 in Oslo, ist ausgebildeter Bibliothekar und arbeitete als Buchhändler und Übersetzer, bevor er sich als Schriftsteller etablierte. Für seien Roman "Pferde stehlen" wurde er mit dem Independent Foreign Fiction Prize und dem IMPAC Literaturpreis ausgezeichnet.

Auszug aus dem Titelverzeichnis / Rezensionen zu weiteren Büchern:


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