Originaltitel: Der Kameramörder
Roman. dtv Der TaschenbuchVerlag 2007
156 Seiten, ISBN: 3423135468

Er wurde aufgefordert, einen Bericht zu schreiben - so beginnt dieses Buch, in dem ein junger Mann von seinem Osterwochenende erzählt. Eigentlich in der Nähe von Linz zu Hause, war er mit seiner Lebensgefährtin aufgebrochen, das lange Wochenende in der Steiermark bei Freunden zu verbringen.
Detailliert erfahren wir, wie sich die Tage abspulen, welche Getränke gereicht werden, welche Knabbereien auf dem Tisch stehen, wie der Punktestand beim abendlichen Romméspiel steht - ein ganz normales Wochenende also, wie es so abläuft, wenn Freunde sich treffen.
Doch unter dieser biederen Erzählhaltung verbirgt sich etwas: denn auch das Wochenende wird gestört durch die Berichte an einem grausamen Kindsmord. Ein Mann mit Videokamera hatte - vor laufender Kamera - zwei kleine Jungen gezwungen, sich umzubringen. Ein Dritter war entkommen.
Solche Nachrichten, stellt man sich vor, kommen aus dem fernen Amerika - aber diese hier stammte aus der unmittelbaren Umgebung, denn es war hier, in der Steiermark, ja, sogar in ihrem Dorf passiert.
Eine absonderliche Mischung aus Faszination und Abscheu ergreift die Freunde daraufhin; sie können es nicht lassen, die Nachrichten zu hören und sich in Mutmaßungen zu äußern, können aber gleichzeitig auch nicht ertragen, was sie hier zu hören und sehen bekommen. Als dann auch noch bekannt wird, dass die Videobänder einem Privatsender zugespielt wurden und dieser plant, sie auch zu senden, geht ein Strom von Protesten los - ist es zulässig, solche Informationen an die Öffentlichkeit zu geben? Ist es wirklich eine "Aufarbeitung", entspricht es dem Recht der Öffentlichkeit an Information? Oder ist es nicht ein Aufgeilen an Perversion?
Es ist diese Frage, die das Buch in meinen Augen interessant macht. Am Beispiel dieser vier Freunde wird wunderbar das Funktionieren einer durchschnittlichen Gesellschaft offenbar, die Lust am Abscheu, das eigene moralische Überheben über die Verderbtheit anderer, ohne die Infektion, die auch die Zuseher ergreift, zu bemerken.
In diesem Zusammenhang ist das Ende dann auch nur logisch - ein Ende, das schon aus den ersten Zeilen des Buches zu erraten ist, das ich aber dennoch nicht ganz schlüssig finde.
Ich kann nicht sagen, dass mir dieser Roman gefallen hätte. Dazu ist sowohl die Handlung zu grausig, als auch die Sprache zu nüchtern und berichtsartig gehalten. Es passt zum Thema, zum Inhalt, aber es macht nicht unbedingt Spaß zu lesen. Dennoch: es ist ein Roman, der den Leser auf alle Fälle beschäftigt und einige Fragen aufwirft, die guten Diskussionsstoff ergeben.
Ein wenig hat es mich auch an "Reality Show" von Amelie Nothomb erinnert, das ja in Kürze hier erscheint; auch das ein Buch, das als Roman nicht wirklich gut ist, dessen Inhalt mir aber nicht aus dem Kopf geht. Die Thematik ist ähnlich: in beiden Büchern geht es um das Verhältnis von Medien zu Verbrechen, bzw. darum, was die Zuschauer daraus machen...
Thomas Glavinic, geboren 1972 in Graz, schreibt seit 1991 Romane, Essays, Erzählungen, Hörspiele und Reportagen. Sein Kriminalroman "Der Kameramörder" wurde 2002 mit dem Friedrich-Glauser-Krimipreis ausgezeichnet. Glavinic lebt mit seiner Familie in Wien.
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