Colum McCann - Zoli

Originaltitel: Zoli
Roman. Rowohlt Verlag 2007
384 Seiten, ISBN: 3498044893

Zoli Lackowa ist Roma, geboren vor dem Zweiten Weltkrieg in der Nähe von Bratislava. Als junges Mädchen überlebt sie den Holocaust in den Wäldern und lernt dort, höchst ungewöhnlich für eine Zigeunerin, lesen und schreiben. Nach Kriegsende beginnt sie, die Gesänge ihres Volkes in Gedichtform zu publizieren. Doch sowohl ihrer Familie als auch der sozialistischen Regierung sind ihre freisinnigen Texte bald ein Dorn im Auge – und ihre Sippe verstößt sie. Auch ihr Geliebter, der irische Journalist und Ethnologe Stephen Swann, verrät sie, weil er Repressalien fürchtet. Nun ist sie ganz allein, eine Verfemte. Mit nichts als dem, was sie am Leib trägt, macht sie sich auf in jenen Westen, in dem es wahre Freiheit geben soll. Drei Jahre dauert ihre Reise; sie führt durch den Eisernen Vorhang, ihr Ziel ist ungewiss. Und noch länger wird es dauern, bis Zoli ihren verräterischen Geliebten wieder trifft… Dies ist ein groß angelegtes Panorama Europas zur Zeit des Kalten Krieges: poetischmelancholisch, magisch, in einer Sprache, die einen erschauern lässt. Doch zuallererst ist es die Geschichte einer starken jungen Frau, die sich gegen alle Widerstände durchsetzt.


Ja - Klappentexte. Zum Glück, oder leider, verraten sie nicht, wie sich so ein Buch wirklich zusammensetzt, wovon es lebt. (nicht, dass ich mir einbilde, es mit meinen kleinen Kritiken hier besser zu können!).

Das Buch beginnt damit, dass Zoli, die mit ihrem Großvater unterwegs gewesen war, wieder zu ihrer Kumpanija zurück will. Doch schon vor dem Ort merken sie, dass etwas nicht stimmt - und, vom Großvater zum Schweigen genötigt, sieht sie, dass alle, ihre Geschwister, ihr Vater, ihre Mutter, die Tanten, Onkeln, Freunde, mitsamt ihren Wagen und Pferden auf dem Eis stehen. Am Ufer umringt von Hlinka-Gardisten, die große Feuer anzünden - um so das Eis zum schmelzen zu bringen, das die Roma in diesem Moment noch vor dem Tod bewahrt.

Es ist der Anfang ihrer Zeit alleine mit dem Großvater; bald schon schließen sie sich einer anderen Gruppe an, doch die Repressalien werden nicht weniger. Ein umgeknickter Zweig, ein geknotetes Tuch weisen ihnen immer wieder den Weg zu Plätzen, an denen man noch bleiben kann; eine Weile geht Zoli (die eigentlich Marienka heißt) auch zur Schule, sehr zum Missfallen der übrigen Sippe. Denn es ist nicht üblich für ein Mädchen, lesen und schreiben zu lernen, und ihr Großvater, der ihr selbiges mit Karl Marx beibringt, versäumt auch nicht, ihr immer wieder zu erklären, dass sie diese Kenntnis nicht zu öffentlich bekannt werden lassen sollte.

Er ist es auch, der sie nach dem Krieg - noch nicht vierzehnjährig - mit einem alten Mann verheiratet, einem Geiger. Kein schöner Mann - aber einer, bei dem sie weiter bleiben darf, was sie ist.

Nach dem Krieg beginnt eine neue Zeit in der Slowakei. Der Kommunismus, dem ja auch Zolis Großvater schon anhing, verspricht, auch die Zigeuner zu integrieren, ihre Volksgruppe nicht mehr zu vertreiben und zu jagen, sondern sie mit ihren Bräuchen und Liedern aufzunehmen.

Es ist Zolis große Zeit. Ihre Stimme ist mittlerweile schon nicht mehr nur in Roma-Kreisen bekannt; ein Dichter hat ihre Texte entdeckt, drängt sie, zu schreiben. Stephen Swann, ein irischer-britischer Slowake, verliebt sich in sie; das Verhältnis ist geheim, es ist verboten, es würde mit heftigen Maßnahmen gegen Zoli zu rechnen sein, wenn es jemand erführe. Und Zoli schreibt, es erscheint ein erster schmaler Gedichtband, ein zweiter ist in Vorbereitung - und nun kommt die Politik und greift ein. Sie, die Zigeuner, sollen als erste von den Segnungen profitieren - eine wunderbare neue Siedlung wurde erbaut, nur für sie, mit fließendem Wasser, mit Zentralheizung. Und sie müssen hier einziehen, es bleibt ihnen keine Wahl, die Räder ihrer Wagen werden verbrannt, man droht mit Gewalt. Es ist Zoli, gegen die die Stimmung ihrer Kumpanija sich jetzt richtet. Sie ist es, die die Gemeinschaft verraten hat, indem sie Geschichten zu Papier brachte, indem sie sich als Stimme der Partei instrumentalisieren ließ.

Sie bittet Swann, den Druck ihrer Gedichte zu stoppen, doch er weigert sich - und Zoli wird aus der Gemeinschaft der Roma ausgestoßen. Sie ist nun eine Beschmutzte, keiner darf mehr sein Brot mit ihr teilen, sie gehört keiner Gemeinschaft mehr an.

Sie flieht. Erst über die Grenze nach Ungarn, dann nach Österreich; von dort dann weiter nach Italien, wo sie den Rest ihres Lebens sesshaft an der Seite eines Schmugglers, Enrico, verbringt.

Colum McCann, den ich als Autor ja schon seit längerem sehr sehr schätze, hat hier einen wundervollen Roman geschrieben. Er erzählt auch diesmal mit mehreren Stimmen, aber nicht so ausgeprägt wie in "Der Tänzer"; er schafft es aber damit, den Blick auf die Geschichte zu weiten. Es ist keine Zigeunerromantik, die er hier erschafft, und im letzten Kapitel, in dem er von den Kongressen berichtet, die zu dieser Thematik nun abgehalten werden, lässt er auch wunderbar deutlich werden, dass ein Wandel immer auch Zerstörung mit sich bringt. Für ihn ist nicht automatisch gut, was traditionell immer schon so war, er zeigt auch deutlich die unangenehmeren Seiten einer Kultur, die andererseits durch die Freiheit und Unabhängigkeit so viel Anziehungskraft besitzt.

Aber neben dieser ethnologischen Betrachtung ist es vor allem eine unglaublich gut erzählte Geschichte einer Frau, von ihrer Kindheit, ihrer Kraft, den Weg dann alleine weiterzugehen, ihrem Mut, ihrer Verzweiflung.

Es gibt unendlich viele Szenen, die man hervorheben möchte. Als sie alleine durch die Felder und Wege wandert, ausgestoßen, von den Kindern ihrer besten Freundin bespuckt. Wenn sie anfängt zu singen. Als sie vom stummen Bauern mit Brot versorgt wird. Die Überraschung, immer wieder, von Menschen, die mit schlichten Gesten Gutes tun - oder aber so freundlich erscheinen und doch vernichtend sind. Oder die es gut meinen und dabei nicht beachten, was andere eigentlich wirklich brauchen und wollen.

Mit diesem Roman hat Colum McCann nach "Der Tänzer" erneut bewiesen, dass er wirklich einer der ganz großen Erzähler ist - eine unbedingte Empfehlung, ein weiterer Top-Titel schon jetzt in diesem Jahr!

Colum McCann

Colum McCann wurde 1965 in Dublin geboren. Er arbeitete als Journalist, Farmarbeiter und Lehrer und unternahm lange Reisen durch Asien, Eruopa und Amerika. Für seine Romane und Erzählungen erhielt McCann zahlreiche Literaturpreise, unter adnerem den Hennessy Award for Irish Literature und den Rooney Prize. Er ist verheiratet und lebt in New York.

Auszug aus dem Titelverzeichnis / Rezensionen zu weiteren Büchern:


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