Nikolaj Gogol - Die toten Seelen

Originaltitel: Pochozdenija Cicikova
Roman. dtv Der TaschenbuchVerlag 1982
523 Seiten, ISBN: 3423126078

Erstmal ganz kurz ein paar Worte zum Inhalt:
In einem kleinen russischen Städtchen quartiert sich ein Fremder im Gasthof ein; ein Mann mit umgänglichen Manieren, ganz ansehnlich, sehr gepflegt: Pawel Iwanowitsch Tschitschikow. Sehr viel mehr weiß man anfangs nicht von ihm zu berichten, als dass er ein äußerst angenehmer Gesellschafter sei und entsprechend auch häufig eingeladen wird; er hingegen fängt sofort an, Erkundigungen über die Gutsbesitzer einzuholen.

Und der Leser erfährt dann auch bald, zu welchem Zweck: Tschitschikow will die "Toten Seelen" aufkaufen, diejenigen Bauern, die seit der Erstellung der letzten Revisionslisten verstorben sind. Wozu, das wird sehr lange nicht klar; dafür aber erlebt man die unterschiedlichsten Gutsbesitzer. Einmal den äußerst gutmütigen, aber dabei auch furchtbar ignoranten Manilow; dann ein Mütterchen, das, nachdem es sich erst hat breitschlagen lassen, die Seelen zu verkaufen (was sich äußerst mühsam gestaltet) dann nach Vertragsabschluss aufbricht, weil sie befürchtet, sie könnte mit dem Preis doch übers Ohr gehauen worden sein; einen anderen wieder, der sich zwar um seine Landwirtschaft kümmert, aber alle ausschindet, und noch einen, der seine Sachen vor lauter Geiz und Angst, einem anderen könnte etwas davon zukommen, alles verkommen lässt.

Dieser Teil des Romans nimmt vieeel Zeit und Raum in Anspruch. In aller Ausführlichkeit werden die Schwächen dieser Gutsbesitzer vorgestellt, ein Typus nach dem anderen skizziert, ohne dabei aber einem davon auch ein wirklich persönliches Gesicht, einen Charakter zu geben.

Nach dem Abschluss der Kaufverträge - die natürlich bei weitem nicht so geheim bleiben, wie Tschitschikow sich das wünschen würden - beginnt die Gerüchteküche wie wild zu kochen. Bald schon heißt es, er wäre Millionär, mindestens; die Damen beginnen ihn zu umschwärmen, er wird nicht aus der Stadt fortgelassen, wie er das schon längst vorgehabt hätte. Stattdessen wird ein Ball gegeben, beim Gouverneur... und da plötzlich begegnet er dem jungen 16jährigen Mädchen wieder, das er bei einem Unfall mit seiner Kutsche vor kurzem kurz gesehen hatte. Zum Missfallen der restlichen Damenwelt beginnt er, diesem Mädelchen den Hof zu machen (die ihrerseits von seinen Ambitionen ziemlich gelangweilt ist).

Aber das schlimmste kommt erst noch: Nasdrowjew (keine Garantie für den Namen, ich muss erst zu Hause nochmal nachschlagen!), ein Unikum der Gesellschaft, ein notorischer Lügner, taucht auch auf dem Ball auf - und spricht ihn ganz offen auf die toten Seelen an, die doch bislang trotz allem ein gut gehütetes Geheimnis waren! Und auch sonst erzählt er noch allerlei; da Tschitschikow dann früh nach Hause geht und aufgrund einer kleinen Erkältung ein paar Tage nicht aus dem Haus geht, kriegt er auch nicht mit, was dann passiert.

Der Klatsch beginnt nun nämlich, sich gegen ihn zu wenden. Er hätte die Tochter des Gouverneurs entführen wollen. Jaha, und Nasdrowjew wäre ihm dabei zur Hilfe gekommen. Auch über sein Vorleben gibt es die wildesten Gerüchte; er wäre eigentlich Napoleon; oder aber ein Gefreiter, der beim Krieg gegen Napoleon ein Bein und einen Arm verloren hätte und dergleichen Unsinn mehr.

Über diesen Teil des Romans habe ich mich dann auch wirklich amüsieren können; es erinnerte mich an heutige Screwball-Comedies, wenn eine wilde Vermutung die nächste nach sich zieht und die Ereignisse sich immer mehr überschlagen.

Nachdem Tschitschikow nun relativ unrühmlich aus der Stadt abhaut, erfährt der Leser auch seine Vorgeschichte; die Kindheit im Pensionat mit dem frühen Handel; der frühe Tod der Eltern, der Einstieg in den Staatsdienst, die Methoden, die er anwendet, um nach oben zu kommen, und schließlich die verschiedenen Formen des Betrugs die er anwendet, um voran zu kommen - und wie er schließlich auch hier entlarvt wird und daher unehrenhaft entlassen.

Im fragmenthaft erhaltenen 2. Teil, der in meiner Ausgabe enthalten war, fängt das Spiel nun im Prinzip von vorne an, wieder ist man bei diversen Gutsbesitzern und Tschitschikow immer noch auf der Suche nach einem Weg, schnell reich zu werden...

Wie schon erwähnt: die zweite Hälfte des ersten Teils hat mich wesentlich mehr angesprochen als die erste. Den Anfang fand ich so sehr überzeichnet, dass ich die Lust daran verloren hatte, weiterzulesen. Ich hatte ja schon erwähnt, dass mir ohnehin eine anekdotische Folge von überzeichneten Typisierungen nicht liegt und ich Entwicklungen, tiefe Charakterzeichnungen, wesentlich mehr schätze.

Als dann der Klatsch beginnt, ist zumindest ein Teil meiner Wünsche erfüllt: die Entwicklung, die Handlung. Die ist zwar hier in ihren Auswüchsen auch sehr überzeichnet, dabei aber immer noch so, dass es eine gewisse mögliche Glaubwürdigkeit bewahrt, woraus sich für mich auch die eigentliche Satire speist.

Nikolaj Gogol

Auszug aus dem Titelverzeichnis / Rezensionen zu weiteren Büchern:


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