Andrea de Carlo - Wenn der Wind dreht

Originaltitel: Giro di Vento
Roman. Diogenes 2007
432 Seiten, ISBN: 3257065442

Für Alessio Cingaro sollte dieses Wochenende eigentlich sehr befriedigend werden: er hatte für seine 4 Kunden eine Landhaussiedlung in Umbrien ermittelt, die er ihnen nun zeigen wollte und natürlich auf einen lukrativen Ausflug hoffte.

Schon die Fahrt von Mailand aus dahin erwies sich allerdings als anstrengender als geplant; jeder der vier war permanent am Telefonieren, hatte noch tausend Angelegenheiten zu klären, und das Werbegespräch, das Alessio vom Fahrersitz aus mit ihnen führte, geriet entsprechend immer mehr ins Stocken. Und was er ihnen nicht alles versprach von diesen großen, leerstehenden Häusern, die nur noch ein wenig saniert werden müssten!

Da kam der Plan, nach der langen Autofahrt erst in die Unterkunft zu fahren und sich dann am nächsten Morgen bei Tageslicht und ausgeruht an die Besichtigungsarbeit zu machen schon mal ins Wanken - denn spontan beschließen die Kunden, die Häuser heute noch sehen zu wollen.

Aber aus den 20 Minuten Fahrt werden immer mehr, und dann zeigt auch das Navigationssystem Abzweigungen an, die auf der Straße gar nicht vorhanden sind. Und nun muss Alessio auch zugeben: nein, er hat die Häuser, die er in den letzten Stunden so vehement angepriesen hatte, noch nicht selbst gesehen.
Dass er dann beim Versuch zurückzufahren mit dem Wagen in einen Graben fährt setzt dem Ganzen für die gereizte Kundenschar die Krone auf.

Doch Gezeter hin oder her: man befindet sich hier kilometerweit weg vom nächsten Dorf, und was noch viel schlimmer ist: es gibt auch keine Funkverbindung! Keine Möglichkeit also, den Abschleppwagen zu rufen, kein Haus weit und breit; die einzige Möglichkeit besteht darin, zu Fuß weiterzulaufen, bis man endlich an eine menschliche Ansiedlung kommt.

BIs es allerdings soweit ist ist das kleine Trüppchen Städter bereits triefnass und ramponiert. Und die Enttäuschung ist groß, als sie dann feststellen müssen, dass die seltsame Ansiedlung, auf die sie in den Bergen stoßen, nicht nur über kein Telefon verfügt, sondern sich generell zum Ziel gesetzt hat, völlig autark und von der Welt abgeschieden zu leben.

Auch als sich dann noch herausstellt, dass die Städter jetzt eigentlich tatsächlich an ihrem Ziel angekommen wären, weil genau diese Bauernhäuser diejenigen sind, die sie eigentlich zu erwerben trachteten, auch wenn sie zur Zeit noch widerrechtlich von diesem Häufchen Besetzer bewohnt werden, wird ihnen doch ein Nachtquartier gewährt. Aber am nächsten Morgen will man unverzüglich weiter...

Ganz so einfach gestaltet sich das dann aber nicht. Fußlahm die eine, bald darauf gibt es ein gebrochenes Bein, Schüsse aus dem Hinterhalt von den Nachbarn, die diesem seltsamen Stamm in den Bergen nicht wohlgesonnen sind; die Lage spitzt sich immer mehr zu, und die Freunde, die sich eigentlich gemeinsam aufgemacht hatten, etwas zu erwerben, geraten immer mehr auch an die Grenze der Frage: was macht unsere Freundschaft eigentlich aus?

Die direkte Konfronation mit einer so anderen Lebensform lässt die Welt auf beiden Seiten ganz schön aus den Fugen geraten; was genau passiert, sei hier nicht verraten, aber Andrea de Carlo hat es auf jeden Fall spannend erzählt, auch wenn an der Geschichte so manches ein wenig knirscht.

Schön, dass er auch diese Lebengemeinschaft der Aussteiger nicht als einzige Idylle schildert, dass er auch hier Zweifel lautwerden lässt; insgesamt hätte dem Buch aus meiner Sicht etwas weniger Weltverbesserungsüberzeugung ganz gut getan. Aber dennoch: ich habs mit viel Spaß gelesen!

Andrea de Carlo

Andrea de Carlo wurde 1952 in Mailand geboren. Nach Aufenthalten in den USA und Australien schrieb er seinen ersten Roman "Creamtrain" der - von Italo Calvino entdeckt - ein internationaler Bestseller wurde.

Auszug aus dem Titelverzeichnis / Rezensionen zu weiteren Büchern:


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