Christoph Ransmayr - Der fliegende Berg

Originaltitel: Der fliegende Berg
Hörbuch - Roman. Argon Verlag 2006
8 CDs, ISBN: 3866101007

Zwei Brüder machen sich gemeinsam auf, ohne Sauerstoffflaschen im Himalaya einen Berg zu bezwingen, der noch höher sein soll als der Mount Everest - und der bislang auf keiner Karte eingezeichnet ist. Vielleicht noch der letzte weiße Fleck auf der Landkarte? Liam ist die treibende Kraft hinter dieser Expedition; er war es, der den Phur-Ri als Ziel fand, der sich um die nötigen Papiere kümmerte, der sich nicht von Bürgerkrieg, von Repressalien abschrecken ließ, denn für ihn, Master Kaltherz, wie sein Bruder Padraic ihn oft insgeheim nennt, ist Täuschung etwas, das ihn erst richtig anspornt.

Immer wieder verwoben ist der Weg ins Hochgebirge mit den Kindheitsgeschichten in Irland, mit den Erwartungen des Vaters, der irischer als irisch sein wollte, der das "wahre" Irland da sah, wo es von den aufrechten Menschen mit hin genommen wurde, obwohl er selbst es nie schaffte, das Land zu verlassen; mit der Mutter, die den Vater irgendwann mit einem "Souper" verlassen musste, weil sie ihn nicht mehr ertragen konnte. Rückblicke auch auf die Manöver, die sie als Kinder mit dem Vater unternehmen mussten, die Liam so liebte und er, der drei Jahre jüngere, so sehr hasste; Wanderungen, Kletterrouten, Übernachtungen im Zelt...

Es ist eine einerseits ungeheuer archaische Geschichte von zwei Brüdern, die in diesem Aufstieg ein ganzes Universum an Brudergefühlen, Liebe, Hass, Neid, Unverständnis, ja, sogar ein wenig inzestuöse Bindung durchleben; gleichzeitig aber auch sehr verankert im hier und heute, mit Hochgeschwindigkeitsdatennetzen, mit modernster Computertechnologie.

Aber all das ist, als sie erst einmal in Kham unterwegs sind mit den Nomaden, nicht mehr so elementar. Nun werden sie mit einer ganz anderen Wirklichkeit konfrontiert. Mit uraltem Wissen, wie dem vom Phur-Ri, dessen Geschichten immer nur von einem Ohr ins nächste übertragen werden können, nie jedoch abends am Lagerfeuer erzählt werden können. Von der Geschichte dieses Gebirges, das mit Gebetsnägeln an die Erde geheftet werden muss, damit es nicht abhebt; mit der dagegen sehr wenig poetischen Geschichte eines Volkes, das sich mit Erschießungen an der Grenze, mit einer Einschränkung ihrer Welt auseinandersetzen müssen, die mit alten Geschichten nicht mehr viel zu tun haben.

Es wird nur einer der Brüder wieder nach Hause kommen. Er wird dafür die Liebe gefunden haben und nach einem Jahr erneut aufbrechen...

In gedruckter Form liegt dieses Buch nur im Flattersatz vor, als langes Gedicht; ich habe nur einmal kurz reingeblättert, hätte mich wohl von der Form auch erstmal abschrecken lassen. Daher traf es sich für mich sehr gut, dass der Autor sein Buch auch als Hörvariante anbietet; mancher mag sich zwar vielleicht vom guttural-österreischen Akzent abschrecken lassen, den Ransmayr trotz aller Bemühungen nicht leugnen kann; diese Sprachfärbung ist einfach vorhanden. An mancher Stelle wäre sicher aus dem Text von einem erfahreneren Sprecher (wie Ulrich Matthes) noch einiges mehr herauszuholen gewesen; aber alles in allem war ich dennoch sehr angetan sowohl von Inhalt als auch vom Vortrag.

Wenn man Christoph Ransmayr zuhört, wie er die Landschaften des Himalaya beschreibt, dann sieht man sie vor sich, hört die Gebetsfahnen im Wind schlagen, erhält ein Gefühl davon, worin der große Zauber dieser Region besteht. Und wenn er seine beiden Brüder immer höher und höher steigen lässt, dann wird das Unbehagen, hier unbeholfen in heiligem Gelände zu tapsen, beinahe körperlich spürbar.

Es gab für mich dennoch auch ein paar Längen in diesem Roman, ein paar Szenen, die dem Kitsch recht nahe waren; aber da ich ohnehin "nur" Zuhörer war, waren diese Phasen nicht so kritisch. Ich bin mir sicher, bei einem erneuten Hören, einer ersten Lektüre, hier noch sehr viel mehr in diesem Buch zu finden; mein Plan ist, mich bei Erscheinen des Taschenbuchs erneut damit auseinanderzusetzen.

Hier also nur ein in gewisser Weise vorläufiges Fazit: ein Roman, der mich durch die poetische Kraft seiner Schilderungen und Sprache zutiefst beeindruckt hat!

Christoph Ransmayr

Auszug aus dem Titelverzeichnis / Rezensionen zu weiteren Büchern:


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