Daniel Kehlmann - Wo ist Carlos Montufar?

Originaltitel: Wo ist Carlos Montufar?
Hörbuch - Roman. Deutsche Grammophon 2006
2 CDs, ISBN: 3829117639

Daniel Kehlmanns Roman "Die Vermessung der Welt" war und ist nicht nur in Deutschland ein riesiger Erfolg. In "Wo ist Carlos Montufar?" erzählt er im Titelessay von dem jungen Mann, der einen großen Teil der Reise Humboldts, die im Roman beschrieben wird, mitgemacht hatte - aber bei Kehlmann keinen Platz gefunden hatte. Kehlmann beschreibt, warum er diese Entscheidung getroffen hat, was er aus den historischen Figuren, die er sich für seinen Text aneignete, gemacht hat. Ein Besuch in Göttingen zum Beispiel hatte ihm klar gezeigt, dass ein paar Dinge einfach nicht so funktioniert haben konnten wie er sie beschrieben hatten - und dennoch hat er sich dafür entschieden, sie in seiner Version zu belassen.
In diesem Essay macht Kehlmann auch klar, warum gerade Romane, die sich mit der größten Akkuratesse an historische Details halten so blutleer sind: weil auf ein bekanntes Detail hunderte folgen, die man einfach nicht wissen kann.
Als Beispiel für die Entfremdung, die einer historischen Gestalt widerfahren kann, und die in dieser Entfremdung vielleicht doch wirklicher ist als in ihrer ursprünglichen Form, hat er einen Roman von Mario Vargas Llosa ausgewählt - Der Krieg am Ende der Welt. Er stützt sich dabei auf den Bericht eines Augenzeugen; im Vargas Llosas Roman kommt dieser Augenzeuge dann sogar selbst vor; allerdings als kurzsichtiger Mensch, dem in der entscheidenden Stunde die Brille fehlte, und der erst aus der Distanz des Nacherzählens wirklich wieder zum Zeugen wird.

Ähnlich spannend nähert er sich auch einem Werk, das von den meisten Literaturkritikern - ohne es überhaupt gelesen zu haben - geschmäht wird: JRR Tolkiens "Herr der Ringe". Kehlmann erzählt die Entstehungsgeschichte dieses Romans nach, und lotet vorsichtig die metaphysischen Tiefen aus.

Oder aber er spürt Voltaire nach, dessen Candide (ein Buch, das mich sehr gelangweilt hat) er zwar dadurch nicht interessanter macht, dessen Hintergrund und Idee mir aber sehr viel interessanter erscheint. Ob er sich nun aber Voltaire nähert, ob er die Geschichte des modernen Romans beleuchtet, ob er die Freude beschreibt, die wohl Voltaire an den Simpsons hätte; all das ist klug und interessant erzählt, zeugt von einer großen Belesenheit und dem Mut, auch mal querzudenken. Für jemanden, der sich mit vielen der hier angeschnittenen Themen bislang nicht sonderlich viel befasst hat wie mich sind diese Gedanken und Zusammenhänge in vieler Hinsicht auch neu und frisch; kurz und gut: ich habe mich wirklich sehr sehr gut und intelligent unterhalten gefühlt und für mich einiges aus dem Gehörten mitgenommen.

Einziges Manko: die Lesung selbst. Nein, Kehlmann ist jetzt keiner dieser schrecklichen, nuschelnden Autoren, er liest seinen Text schon ganz nett; aber er hat häufig so überbetonte Pausen, bzw. liest nicht ganz der grammatikalischen Struktur des Saztes entsprechend, dass es mein Hörvergnügen etwas gemindert hat. Aber in Verbindung mit dem Inhalt bleibt es ein echte, für mich in gewisser Hinsicht auch unerwartete Empfehlung!

Daniel Kehlmann

Daniel Kehlmann, geboren 1975 in München, lebt in Wien und studierte dort Philosophie und Literaturwissenschaft.

Auszug aus dem Titelverzeichnis / Rezensionen zu weiteren Büchern:


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