Christopher New - Die Kaminsky-Taktik

Originaltitel: The Kaminsky Cure
Roman. Atrium Verlag 2006
412 Seiten, ISBN: 3855359709

Wir schreiben das Jahr 1939; irgendwo in den österreichischen Alpen hat sich eine deutsche Pfarrersfamilie niedergelassen. Willibald, der lutherische Pfarrer, hat da in Heimstadt zwar eine wirklich nur winzige evangelische Gemeinde zu betreuen - wir sind schließlich mitten im erzkatholischen Österreich - aber aus seiner größeren Berliner Pfarre wurde er vertrieben. Schließlich geht es nicht an, dass eine so einflussreiche Position vom Mann einer Jüdin, Vater von vier Mischlingen ersten Grades, besetzt ist.

In Österreich ist es für die Familie zwar hart, aber erträglich. Der Ortsgruppenvorsteher Wimmer nimmt die Vorschriften zwar sehr genau, aber dennoch ist es weiterhin erlaubt, dass die arische Jägerlein ihnen weiterhin im Haushalt hilft, obwohl das doch verboten ist. Arbeitet sie eben für die arische Hälfte der Familie.

Die Familie - das sind neben dem schon genannten Willibald, der den Lehren des Führers gar nicht so abgeneigt ist, vor allem noch Gabi, die Mutter, der Stein des Anstoßes: die Jüdin. Und die vier Kinder Martin, Ilse, Sara und der Kleinste, der Ich-Erzähler, aus dessen kindlicher Perspektive wir nun durch die Kriegsjahre eilen.

Als es den Kindern nicht mehr erlaubt ist, weiter zur Schule zu gehen, besorgt Gabi eben Hauslehrer (die streng genommen auch nicht erlaubt wären). Unter ihnen ist auch Fräulein Kaminsky, die sogar entfernt mit den Habsburgern verwandt ist. Von ihr lernt Gabi dann auch den Trick, der sie durch die nächsten Jahre bringen wird: bei Aufregung immer erst einen Schluck Wasser zu trinken und so lange nicht hinunterzuschlucken, bis man sich wieder beruhigt hat.

Notwendigkeit dazu besteht zur Genüge. Die Ehe zwischen den beiden ist längst nicht mehr glücklich; aber dass seine Frau und die Kinder durch ihn einen gewissen Schutz genießen, das weiß auch Willibald. Auch wenn er selbst dadurch ebenfalls etliche Repressalien in Kauf nehmen muss und die dadurch erlittene Schmach an Frau und Kindern - und am Jägerlein auslässt.

Wie schon erwähnt wird die Geschichte aus der Perspektive eines anfangs nicht ganz sechsjährigen Kindes erzählt; dabei dennoch allwissend und vorgreifend, fand ich den Tonfall des Buches über die ersten ca. 50 Seiten als sehr negativ aufgesetzt, übertrieben, permanent auf Wirkung bedacht und kein bisschen subtil.

Ich war schon dabei, das Buch dann doch in die Ecke zu stellen; da der Autor aber für mich neu ist, und "DIe Kaminsky-Taktik" sein erster Roman, wollte ich dann zumindest 100 Seiten gelesen haben, bevor ich mich zu einem Urteil versteige. Und man muss sagen: Der Autor hat sich warmgeschrieben. Was anfangs noch fürchterlich überdreht und bedeutungsschwanger ist, entwickelt sich im Laufe der Zeit zu einem zynischen und zugleich berührenden Erzählstil, der mich die letzten 200 Seiten fest im Bann hielt.

Vor allem entwickelt sich auch die Geschichte der Familie immer spannender. Je weiter der Krieg voranschreitet umso schwieriger wird es, das Überleben zu organisieren; der Tonfall ist da bei weitem nicht mehr so klamaukik, und spätestens bei Gabis letztem Rettungsversuch hat man die Familie trotz aller Macken so weit ins Herz geschlossen, dass man sich nicht vorstellen mag, was als nächstes passieren könnte.

Es sind vor allem die vielen kleinen Einzelheiten, die das Buch im Endeffekt für mich so rund machen; der Junge aus dem Nachbardorf, Hitlerjunge und Freund für einen Sommer, der so sehr Verräter ist, um nur ein Beispiel zu nennen.

Kurzum: es war eine sehr anregende Lektüre, nachdem ich die ersten 100 Seiten einmal überwunden hatte.

Christopher New

Auszug aus dem Titelverzeichnis / Rezensionen zu weiteren Büchern:


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