Uwe Johnson - Mutmaßungen über Jakob

Originaltitel: Mutmaßungen über Jakob
Roman. Süddeutsche Bibliothek 2006
245 Seiten, ISBN: 3937793194

Ich muss gestehen: den Namen Uwe Johnson hatte ich hier in diesem Forum, vor allem durch Antjes Schwärmen, erstmals gelesen. Und obwohl ich seither durchaus Interesse hatte, ihn mal zu lesen, schreckten mich gleichzeitig auch schon die ersten Zeilen ab, die ich dann von den Mutmaßungen mal angelesen hatte.

Aber da es in unserer Lesegruppe ausgewählt wurde (und ich glaube ich die einzige war, die NICHT dafür gestimmt hatte) habe ich es selbstverständlich gelesen.

Es war keine einfache Lektüre. Dabei beinhaltet schon der erste Satz so viel von dem, was noch kommt: "Aber Jakob ist immer quer über die Gleise gegangen"
Keine Erklärung. Einfach eine Feststellung, aus dem Nichts für uns Leser, eine Bemerkung, die gleichzeitig bestimmt wie auch langsam und verzögert bei uns ankommt.

Was ist denn nun mit diesem Jakob Abs passiert, warum ist er, der sich am Bahnhof doch nun wirklich gut auskannte, nun tot? Und das am Tag, nachdem er aus dem Westen zurückkam?

In kleinen Einzelsplittern werden Details aus seinem Leben sichtbar; als Leser weiß man nicht, wer jetzt gerade über Jakob spricht, ob es seine Mutter ist, die damals nach dem Krieg Unterschlupf gefunden hatte beim Kunsttischler Cresspahl, mit dessen Tochter Gesine er wie ein Geschwisterpaar dann aufgewachsen war; oder ob Gesine spricht, Cresspahl, Bloch, oder aber Rohlfs von der Stasi, der ihn auf seine Seite ziehen will, aus Idealismus, aus Glauben an den Sozialismus, und nicht als Hundefänger, was bei anderen allerdings anders funktioniert.

Man schreibt das Jahr 1956, in Ungarn gibt es einen Aufstand, was kümmert es die Leute in der DDR? Was darf, was soll man darüber denken? Soll man wirklich die Gelegenheit nutzen und jetzt, solange es noch geht, in den Westen gehen? Gesine ist schließlich bereits im Westen. Auch Jakobs Mutter reist eines Tages mit zwei Koffern ab. Und er selbst, Jakob? Auch er geht kurz hinüber, zu Gesine. Aber er kehrt zurück, enttäuscht vom Westen.

Immer dann, wenn in diesem Roman von Jakobs Arbeit die Rede ist, war ich ganz besonders fasziniert. Es hat mich begeistert zu lesen, wie hier die Züge rangiert werden, welche ausgeklügelte Logik dahintersteckt, auf den wenigen Gleisen so viele Züge wie möglich verspätungsfrei in Fahrt zu halten.

Auch die Gespaltenheit Jakobs, der ein an sich nicht besonders politischer Mensch ist, aber an seine Arbeit glaubt, seine Sache gut machen will, und der auch tatsächlich überzeugt davon ist, dass man hier mit dem Sozialismus gerade versucht, tatsächlich eine neue, eine gerechtere Welt aufzubauen, fand ich spannend und interessant.

Mein persönliches Fazit: eine sehr anstrengende Lektüre, ich hatte auch immer wieder Passagen, die ich schlichtweg nicht verstanden habe. Aber ein Buch, das sich trotz allem sehr gelohnt hat.

Ein Nachwort noch zu unserer Lesegruppe: ich war dann im Endeffekt die Einzige, die es tatsächlich geschafft hat, dieses Buch auch bis zum Ende zu lesen....

Uwe Johnson

Auszug aus dem Titelverzeichnis / Rezensionen zu weiteren Büchern:


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