Orhan Pamuk - Rot ist mein Name

Originaltitel: Benim Adim Kirmizi
Roman. S. Fischer Verlag 2006
557 Seiten, ISBN: 3596156602

Zum Ende des 16. Jahrhunderts herrscht in Istanbul Sultan Murad III, ein Herrscher, der sich wie keiner vor ihm für Miniaturen und Bücher interessiert. Es ist eine Zeit im Umbruch; dir konservativen Kräfte des Islam werden stärker, wollen die leise Öffnung, die im Reich zuletzt stattfand, aufhalten, umkehren.

In dieser Zeit kehrt Kara nach 12 Jahren nach Istanbul zurück, zu Hilfe gerufen von seinem Oheim, der ein geheimes Projekt verfolgt: er, der als Gesandter in Venedig von den neuen Bildern, die hier gemalt wurden, fasziniert ist, hat den Padischah davon überzeugt, dass auch er ein Buch mit Bildnissen nach dieser neuen, der fränkischen Methode illustrieren solle.

Und nun ist einer der vier daran arbeitenden Illustratoren tot - und der Verdacht groß, es könne einer der anderen drei der Täter sein.

Doch dieser Hilferuf allein ist es nicht, der Kara zurückbringt. Er liebt seit seiner Lehrzeit die schöne Seküre, die Tochter des Oheims, die zwar in der Zwischenzeit geheiratet und zwei Söhne bekommen hat, nun aber, da ihr Mann bereits seit 4 Jahren im Krieg verschollen ist, wieder bei ihrem Vater lebt.

Während sich nun zwischen den beiden wieder zarte Bande anspinnen, die von Hasan, Seküres ebenfalls verliebten Schwager gestört werden, geht der Kampf weiter - Unruhen sind in der Hauptstadt, die Kaffeehäuser, ein Treffpunkt der Illustratoren und der Ort, an dem nicht nur irgendwelche Geschichten erzählt, sondern ziemlich offen gegen einen der führenden Prediger gelästert wird, werden Ziel des Angriffs von Radikalen, die den Genuss von Kaffee für genauso schändlich halten wie Alkohol.

Diese Radikalen setzen sich auch zur Wehr gegen das, was gemunkelt wird - dass der Oheim Bilder malen lässt, die Allah lästern, weil eine Moschee darauf die Größe einer Fliege haben kann, durch das, was vom Frankenland als Perspektive gemeldet wird. Dass der Künstler plötzlich nicht mehr das malt, was Allah ihm in seiner Weisheit zeigt, sondern das, was er sieht, und er so vermessen ist, dieses Bild auch zu signieren, umd er Welt zu zeigen, werd er Schöpfer ist, vergessend, dass nur Allah ein Schöpfer sein kann.

Aber lässt sich eine Weiterentwicklung aufhalten, kann man ein Tradition rein erhalten? ODer sit der Einfluss von außen immer etwas, was zwar Altes zerstört, aber neue Schönheit schaffen kann? Sind nicht auch die Bilder der alten Meister nur deshalb so schön, weil jemand Mut zeigte und einen Schritt weiterging? Und wie kann einer, der immer versuchte, nur die alten Meister zu immitieren, dann, wenn er so rein wurde wie keiner vor ihm, erst recht wieder sofort an seinem Stil erkenntlich sein, eben weil dieser so rein ist?

Es ist die Frage nach der Perspektive nicht nur in der Kunst, nach dem Widerstreit zwischen Uniformität und Individualität des Menschen, die hier aufeinander prallen. Es ist ein Buch, das eine Menge Fragen aufwirft, das eine sehr politische Ausage mitbringt - weil Pamuk damit auch sagt: auch wenn wir uns dem Westen nicht öffnen, ist doch schon durch die Existenz einer anderen, offeneren, freieren Kultur das, was an unserer schön war, zum Scheitern verurteilt, weil die radikalen Kräfte in unserem Inneren auch das zerstören werden. Nichts lässt sich erhalten, alle Geschichte wiederholt sich.

Ganz entgegen meinen Vorurteilen (historischer Roman, und mein nicht so überzeugter erster Eindruck von Pamuk als Autor) bin ich von diesem Roman begeistert. Und ich würde mich freuen, wenn hier noch eine Diskussion entstehen würde - und bin außerdem neugierig darauf, was am Dienstag in unserer Lesegruppe daraus gemacht wird.

Orhan Pamuk

Orhan Pamuk (* 7. Juni 1952 in Istanbul) ist ein türkischer Schriftsteller. Er gilt als einer der wichtigsten Schriftsteller seines Landes und wurde 2006 mit dem Nobelpreis für Literatur ausgezeichnet

Auszug aus dem Titelverzeichnis / Rezensionen zu weiteren Büchern:


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