Cindy Dyson - Unalaska

Originaltitel: And She Was
Roman. Bloomsbury Berlin 2006
347 Seiten, ISBN: 3827006341

So eine wie Brandy hatte hier eigentlich nichts zu suchen - eine blonde, bildhübsche Frau ausgerechnet am unwirtlichsten Ende der Welt, auf den Aleuten, der Inselkette vor Alaska. Selbstverständlich war sie nur hier, weil es da einen Mann gab, dem sie gefolgt war, auch wenn der ohnehin die meiste Zeit auf See verbringen würde.

Und so war sie hier gestrandet, auf Unalaska, als Kellnerin im Elbow Room, der verabscheuenswertesten Kneipe der Welt, ein wenig zu blond, ein wenig zu alt für diese Art von Job.

Ihr Job im Ellbow Room sichert ihr nicht nur große Trinkgelder; sie lernt auch die Unikate der Insel kennen, die Leute, die ganze Tage ohne viel zu sagen auf dem Barhocker sitzen konnten. Oder Liz, die immer wieder zur Sperrstunde sturzbetrunken aus der Toilette gezerrt und in ein Taxi verfrachtet werden musste.

Es geht eine eigenartige Faszination von diesem Land aus, das spürt Cindy; eine wilde Kraft, die auch in ihr etwas bewegt. Neugierig geworden, versucht sie das Geheimnis zu ergründen, das sich aus den immer wieder auftauchenden und rasch gelöschten Sprüchen ergibt, die sie in der Toilette des Ellbow Room vorfindet; eine Geschichte, die so alt ist und so sehr mit den alten Kräften verbunden, dass es gefährlich ist, sie zu kennen...

Denn in den alternierenden Kapiteln geht der Leser auf eine Reise durch 250 Jahre Geschichte der Insel; erlebt die nackte Überlebensangst der Inselbewohnerinnen, die, ihrer Männer beraubt, darauf angewiesen sind, von den kargen Beeren und sonstigen Früchten zu leben, die das Land bietet. Um zu überleben, um ihre Kinder zu retten, begehen drei von ihnen einen Tabubruch, den sie teuer bezahlen: sie greifen zurück auf die Macht der Toten, dringen ein in ihre Höhle, bedienen sich vom Leichenfett und gehen auf die Jagd nach Walen.

Drei Frauen sind es, die sich hier ganz bewusst ins Abseits stellen und für ihre neue Macht, ihr schreckliches Wissen teuer bezahlen; und sie geben es weiter, von Generation zu Generation, an ihre Töchter. Und auch diese tun, was sie tun müssen, wenn sonst keiner da ist, der ihre Kinder schützt...

Dem Buch vorangestellt ist der Text zu "And She Was", einem Lied der Talking Heads, das dem englischen Original auch den Titel verliehen hat; angelehnt an diese Zeilen sind auch die Kapitelüberschriften benannt. (Im Übrigen freue ich mich, dass der Verlag mit "Unalaska" einen für mich wesentlich schöneren Titel gewählt hat.)

In Rückblicken wird Brandys Kindheit und Jugend erzählt, erfährt man von der unglücklichen Ehe ihrer Eltern und vom Versagen ihres Vaters, der immer weiter abstürzt und zum Schluss als Alkoholiker in einem alten Auto auf einer Schrottpresse lebt.

Ausgesprochen spannend und auch gut erzählt (aus der Ich-Perspektive) empfand ich die Konfrontation dieser jungen, dahintreibenden Frau mit sich selbst in diesem rauen, aber schönen Land; das Erwachen ihrer Kraft, ihr Leben selbst in die Hände zu nehmen, statt sich immer nur von einem Typen zum nächsten treiben zu lassen, ist sehr subtil und nachvollziehbar geschildert. Alleine für diesen Teil hätte es sich gelohnt, das Buch zu lesen.

Die Kapitel, in denen die Geschichte der Aleuten-Frauen erzählt wird, haben mich anfangs auch sehr fasziniert; der Glaube an die Tabus, die Kraft, die aus dem Bruch damit entsteht, die wilde Entschlossenheit, die sich aus der Verzweiflung, aus dem mütterlichen Instinkt ergibt, die Kinder zu retten, das alles fand ich sehr kraftvoll geschildert.

Die Weitergabe dieser Tradition von Generation zu Generation, immer wieder geschildert anhand historischer Schlüsselmomente, wurde dann aber ein wenig beliebig; dazu kommt, dass sich für mich der Tabubruch so sehr erweitert hatte, dass ich mit der moralischen Rechtfertigung nicht mehr einverstanden war - aber dazu mehr in einem nachfolgenden Beitrag, es würde derzeit zu viel vom Inhalt verraten.

Cindy Dyson hat mit diesem Buch jedenfalls meine geographische Vorstellung erweitert und mich in eine Region entführt, deren Existenz mir zuvor nicht einmal bewusst war. Aber nicht nur dafür lohnt es sich, dieses Buch zu lesen. Auch wenn sich die Formulierung "der Weg einer Frau zu sich selbst" kitschig und abgedroschen liest - das Buch handelt zwar davon, ist aber keinesfalls kitschig oder abgedroschen. Und deshalb empfehle ich es gerne weiter!

Cindy Dyson

Auszug aus dem Titelverzeichnis / Rezensionen zu weiteren Büchern:


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