Christoph Wilhelm Aigner - Die schönen bitteren Wochen des Johann Nepomuk

Originaltitel: Die schönen bitteren Wochen des Johann Nepomuk
Roman. DVA 2006
441 Seiten, ISBN: 3421059578

Johann Nepumuk Müller ist siebzehn, geht ins Gymnasium, gilt als großes Fußballtalent, spielt im Verein - so könnte eine Erfolgsgeschichte anfangen. Doch schon auf den ersten Seiten wird klar: so einfach und glatt, wie sich das alles anhört, läuft das Leben des Jungen nicht ab. Sein Vater hat die kleine Familie vor zwei Jahren verlassen, laut Aussagen der Mutter zahlt er nichts - also ist es die Aufgabe des Jungen, sich nach der Schule mit diversen Schwarzarbeiten den Luxus der Schule leisten zu können. Nicht, dass er sich aus der Schule so wahnsinnig viel gemacht hätte; wirklichen Respekt hatte er vor kaum einem Lehrer, zeigten die doch durch die Bank, dass sie einen wie ihn ohnehin nur als Gesindel wahrnahmen, ihn aufgrund seiner langen Haare als Drogenkonsumenten einstuften, na, und seine Herkunft...

Dabei war gerade er, der Sportler, einer der wenigen in der Klasse, der sich von Drogen und auch von Alkohol fern hielt.

In diese Routine aus Schule, Arbeit, Sport und den üblichen Auseinandersetzungen mit seiner Mutter, die meist darin gipfelten, dass sie nachts vorgab, sich mit Tabletten das Leben nehmen zu wollen, tritt plötzlich ein Ereignis, das sein Leben grundlegend verändern sollte: er wird Zeuge einer Vergewaltigung, und: er greift ein, befreit die junge Frau, schlägt die beiden Männer in die Flucht.

Es ist eine Begegnung, die sein Leben verändert. Er, der sein Leben lang immer nur geschlagen worden war, dem man zu Hause und in der Schule eingetrichtert hatte, das Maul zu halten, er erlebt plötzlich, wie es ist, wenn man reden kann, wenn man das Schöne in seinem Herzen auch aussprechen darf, er erlebt Poesie, findet in ihr und ihrem Vater Menschen, die seine Leidenschaft für Malerei verstehen können.

Aber durch sie werden ihm auch die Augen geöffnet für seine Umgebung; was er als Junge den Eltern nur nachgebetet hatte, ihre Vorurteile, sieht er nun plötzlich mit Realität konfrontiert. Mariella öffnet seine Augen; und durch sie kommt er auch in Gefahr, denn auch wenn der zweite Weltkrieg nun schon ein paar Jahre vorbei ist, sind die alten Fronten immer noch offen, und die Gesinnung der Menschen hat sich nur auf dem Papier geändert...

Geschrieben ist das alles in einer sehr umgangssprachlichen, immer wieder auch mundartlich gefärbten Ausdrucksweise eines Jugendlichen, der seine Professoren als "Fässer" bezeichnet und auch sonst keine besonders ausgeprägten sprachlichen Finessen pflegt. Etwas derb, grob, unbehofen wie auch der Protagonist - aber dabei eben auch von einer inneren Zartheit und Sensibilität, die unter einer harten Schale verborgen wird. Das könnte ein großes Klischee bedienen - dass man es dem Autor trotzdem abkauft, dass man als Leser die Figur des Johann Nepumuk so lebendig vor Augen hat, das ist es, was die eine große Stärke dieses Romans ist.

Die zweite Stärke ist die Art, wie hier eine Kleinstadt in den frühen Sechzigerjahren gezeichnet wird. Man war, Gott bewahre, kein Nazi - aber mit dem Judengesocks will man trotzdem nichts zu tun haben, und die zuvor schon unterdrückt wurden, werden es jetzt, nach dem Krieg, erst recht wieder. Klassendünkel, soziale Ausgrenzung, Vorurteile - an manchen Stellen vielleicht etwas dick aufgetragen, aber auch sehr beklemmend.

Bei so viel Leiden ist die Gefahr groß, die Protagonisten in eine selbstmitleidige Haltung abrutschen zu lassen; das hat der Autor sehr geschickt vermieden.

Ja, das Buch hat mir sehr gut gefallen, auch wenn ich die Sprache so gewöhnungsbedürftig empfand, dass es dafür von mir Abstriche gibt.

Der Autor wurde im Herbst 2006 mit dem "Würdigungspreis für Literatur der Republik Österreich" ausgezeichnet, ein Preis, den davor zB auch Friedericke Mayröcker, Christoph Ransmayr etc. erhalten haben. Ich kann es nachvollziehen und bin froh, hier eine für mich neue österreichische Stimme entdeckt zu haben.

Christoph Wilhelm Aigner

Der 1954 geborene Autor stammt aus Oberösterreich und hat vor seinem Roman einige Gedichtbände veröffentlicht.

Auszug aus dem Titelverzeichnis / Rezensionen zu weiteren Büchern:


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