Saša Stanišic - Wie der Soldat das Grammofon repariert

Originaltitel: Wie der Soldat das Grammofon repariert
Roman. Luchterhand Literaturverlag 2006
320 Seiten, ISBN: 3630872425

Es ist eine der ersten Erfahrungen von echter Ohnmacht, als Aleksander als Junge den plötzlichen Herztod seines Großvaters mitansehen muss und trotz Zauberhut nicht in der Lage ist, ihn ins Leben zurückzurufen. Aber in seinen Geschichten bleibt der Großvater für ihn lebendig; und mit Geschichten macht der Junge sich seine Kindheit noch bunter und farbenprächtiger.

Es ist eine idyllische Kindheit, auch wenn Aleksander einer wahren Tito-Liebe anhängt; es ist eine Kindheit inmitten einer skurillen, farbenprächtigen Familie, mit Festen zur Einweihung des ersten Innenklos, mit Pflaumenernten, Angeln in der Drina, mit Kinderspielen und Ausflügen in die Berge.

In diese Kindheitsidylle platzt etwas Unerklärliches - ein Krieg. Soldaten. Granaten. Leben im Keller. Flüchtlinge. Und schließlich: die FLucht, auch wenn Aleksander selbst keinen falschen Namen hat. Aber dafür seine Mutter...

Sie gehen nach Deutschland - für eine Weile, denken sie. Bis es vorbei ist. Doch man kann nicht zurückgehen in eine Stadt, die nicht mehr ist, wie sie war - eine Stadt, in der alle erschossen oder vertrieben wurden, die nicht der "richtigen" Seite angehörten.

Gerade der erste Teil dieses Romans, die Schilderungen der Kindheit, in die ganz unvermittelt etwas so Unbegreifbares wie dieser Krieg einbricht, ist für mich von ganz seltener, poetischer Kraft, mit Sprachbildern, die originell und spannend sind.

Ab etwa der Hälfte, mit dem eingeschobenen Roman im Roman, zerfällt das Buch für mich allerdings. Was er zuvor mit so viel Kraft zusammengehalten hat zerfasert nun; mit seinem Besuch in der Heimat 10 Jahre nach der Flucht, vor allem mit dem Schlusskapitel, gelingt ihm aber zum Glück nochmal ein Aufschwung.

Es ist ein Buch, das ich von Herzen weiterempfehle - obwohl ich es nicht für perfekt halte.

Saša Stanišic

Auszug aus dem Titelverzeichnis / Rezensionen zu weiteren Büchern:


Neues aus dem LESELUST-Blog

Claude Lanzmann - Der patagonische Hase. Erinnerungen

Claude Lanzmann ist der Mann, der den Film "Shoah" geschaffen hat. Er hat als Filmemacher, Journalist, Lektor gearbeitet, sich schon in der Jugend in der Resistance organisiert, mit Simone de Beauvoir zusammengelebt, Angelika Schrobsdorff geheiratet… kurzum: ein ausgesprochen ereignisreiches Leben gelebt, von dem er in diesem Buch erzählt. Ein Zeitzeugnis, fürwahr - manchmal zwar aufgrund der Eitelkeit des Autors nur schwer erträglich, aber die letzten 200 Seiten, in denen er von der Enstehung seines Hauptwerks berichtet, lassen alle vorherigen Kritikpunkte zurücktreten. [..MEHR..]

Link zum Diskussionsforum

©09.01.2007 Daniela Ecker (Brezing) - - - Impressum - - - © 1998-2013 LESELUST Daniela & Markus Brezing