Leonid Zypkin - Ein Sommer in Baden-Baden

Originaltitel: Ljubit Dostojewskowo
Roman. Berlin Verlag 2006
237 Seiten, ISBN: 3833305134

Das Buch beginnt (nach dem sehr erhellenden Vorwort von Susan Sonntag) mit einer Zugfahrt: der Zugfahrt des Autors von Moskau nach Petersburg. Eine Zugfahrt, die auch Dostojewski häufig unternommen hat, wie man im weiteren Verlauf des Romans noch erfahren wird. Als Reiselektüre hat er die Tagebuchnotizen von Dostojewskis junger Frau im Gepäck, die darin unter anderem ihren Aufenthalt in Baden-Baden schildert.

Atemlos springt die Geschichte hin und her; nicht nur diese aktuelle Reise der Dostojewskis ist Thema, nein, innerhalb dieser nichtlinearen Erzählhandlung sind Rückblicke auf seine Gefangenschaft eingebaut, seine ersten literarischen Erfolge, seine Eitelkeiten, seine Ängste, die schwierige Liebesgeschichte, die ihn mit einer Frau verbunden hatte, die dann in "Der Spieler" ein so schönes Portrait geschaffen bekam; dazu natürlich seine Ehe, seine epileptischen Anfälle, seine Eifersucht, seine Liebe - und seine Spielsucht.

Er wird einem vielleicht nicht unbedingt herzlich sympathisch bei der Lektüre dieses Buches, der Fjodor Dostojewski; selbstherrlich und unsicher zugleich, mit immensem Geltungsbedürfnis und so wenig Selbstsicherheit, so viel kreativem Mut und kindischer Einfalt. Und genau dadurch wird er für den Leser auf eine Weise lebendig, wie ich es gerade bei einer doch recht schwierigen Lektüre nicht erwartet hätte!

Zypkin trennt seine Sätze nicht durch Punkte; er verbindet sie durch Gedankenstriche, springt innerhalb eines Absatz durch die verschiedensten Erzählzeiten, ja, auch die Zeitform ändert sich immer wieder; er spart nicht mit Anspielungen auf Dostojewskis Werk (ich hätte bestimmt noch mehr Freude an dem Buch gehabt, wäre ich in seinen Romanen besser zu Hause!), er liefert Anspielungen auf den Literaturbetrieb, die sich mir nur teilweise und auch das hauptsächlich durch das wirklich hervorragende Vorwort von Susan Sonntag erschlossen haben.

Aber ich kann für mich sagen: dieses Buch war die Anstrengung beim Lesen auf jeden Fall wert, ein Buch, das man mehrfach lesen muss, dazwischen vielleicht den einen oder anderen Dostojewski, und in dem man mit Sicherheit jedesmal aufs Neue überrascht sein wird.

Leonid Zypkin

Auszug aus dem Titelverzeichnis / Rezensionen zu weiteren Büchern:


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