Kiran Desai - Erbin des verlorenen Landes

Originaltitel: The Inheritance of Loss
Roman. Berlin Verlag 2006
429 Seiten, ISBN: 382700683X

Da ich mich mit Salman Rushdie und Shalimar der Narry ja ohnehin gerade am indischen Subkontinent aufgehalten hatte, und Kiran Desai dazu noch auf der Shortlist für den Booker steht, lag es für mich nahe, ihr Buch unmittelbar nach Rushdie zu lesen.

Das war wahrscheinlich ein Fehler.

Auch wenn ich mit Rushdies Buch nicht völlig glücklich war - seine Protagonisten waren für mich lebendig, waren interessant und schillernd.

Dagegen erschienen die Figuren in "Erbin des verlorenen Landes" wie verblasste Abziehbilder, obwohl die Rahmenbedingungen doch eigentlich kurios genug wären.

Ein sechzehnjähriges Mädchen, Sai, lebt hier gemeinsam mit seinem Großvater und dem Koch auf einem halbverfallenen Anwesen, das einst prunkvoll war, nun aber langsam vermoderte. Unterrichtet wird sie von zwei ältlichen Frauen im Tal; und für die naturwissenschaftlichen Fächer ist ein junger Mann zuständig, ein Nepalese, der nach dem Studium keinen Job gefunden hatte - Gyan. Die beiden verlieben sich ineinander.

Der Sohn des Kochs - sein ganzer Stolz! - hat es geschafft: er hat sich in die USA eingeschlichen und lebt nun dort. Ein reiches Leben, wie der Vater hofft; ein armseliges Leben in der Illegalität, ständig ausgebeutet von den Arbeitgebern, in der Realität.

Währenddessen spitzt sich die politische Lage am Fuß des Himalayas bei Sai und Gyan zu - die Unabhängigkeitsbewegung wird immer stärker, ihre Anhänger terrorisieren die Bewohner des Tals, und auch Gyan trägt sein Schärflein dazu bei, indem er seine eigenen Minderwertigkeitsgefühle in einem Racheakt an Sai auslebt...

Das ganze ist in sehr anekdotischer Erzählweise aufgebaut; ständig wechselnd zwischen den USA und Indien, zwischen Gegenwart und Vergangenheit, denn gerade auch die Vorgeschichte des Richters, Sais Großvater, mit allen demütigenden Details wird ebenfalls erzählt.

Durch diese Erzählweise bleiben die Protagonisten auf für mich eher abstoßende Weise auf Distanz gehalten; dazu werden sie alle sehr skurill dargestellt, mit wenig liebenswerten Eigenschaften. Gerade während der ersten Hälfte des Buchs fiel es mir sehr schwer, überhaupt genug Interesse am weiteren Schicksal der FIguren aufrecht zu erhalten um weiterzulesen.

Auch wenn ich mich bis zuletzt nicht mit Inhalt und Erzählweise anfreunden konnte - der Autorin sind einige sehr gute Szenen gelungen, die allerdings fast ausschließlich die Nebenfiguren betreffen. So wird mir der Priester, der in den Bergen des Himalaya eine schweizer Molkerei aufgebaut hat und nach über 20 Jahren des Landes verwiesen wird in seiner Schrulligkeit sicher im Gedächtnis bleiben, oder auch die beiden älteren Ladies, die Sai unterrichteten.

Im Gegensatz zu zB Monica Ali, deren "Brick Lane" ich von ziemlich schlechter schriftstellerischer Qualität betrachte, konnte ich diesem Buch hier künstlerisch doch einges abgewinnen. Fazit: eigentlich ein gutes Buch, es hat mir nur nicht gefallen...

Kiran Desai

Auszug aus dem Titelverzeichnis / Rezensionen zu weiteren Büchern:


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