Joan Didion - Das Jahr magischen Denkens

Originaltitel: The Year of Magical Thinking
Roman. Claassen 2006
288 Seiten, ISBN: 3548607705

Am Abend des 30. Dezember 2003, während Joan Didion gerade das Abendessen richtete, starb ihr Mann vor ihren Augen an einem Herzinfarkt. Sie waren 40 Jahre verheiratet und nur bei ganz wenigen Gelegenheiten getrennt gewesen. Beide Schriftsteller, hatten sie beide zu Hause gearbeitet, häufig gemeinsam Drehbücher überarbeitet. Sie waren einander jeweils der erste Leser und Kritiker.

Nach außen nimmt Joan Didion die Nachricht vom Tod ihres Mannes gefasst auf; "sie ist hart im Nehmen". Doch ihre Welt ist mit einem Schlag zerbrochen.

Ihr Verstand weiß, dass John tot ist. Und obwohl sie eine ausgesprochen reflektierte Frau ist, alles analytisch durchleuchtet, kann sie diese Nachricht innerlich dennoch nicht akzeptieren. Sie liest, "Information ist Kontrolle", liest Bücher über Trauer, über Verlust und Leid, und findet in diesen Ratgebern doch nichts, was sie selbst betrifft. Nur ein Benimmbuch aus den zwanziger Jahren mit sachlich-praktischen Anleitungen, wie man einem Trauerhaushalt beistehen könne, findet ihre Zustimmung.

Immer und immer wieder stellt sie die Chronologie der Ereignisse zusammen; wie sie aus dem Krankenhaus, in dem ihre einzige Tochter mit septischem Schock liegt, nach Hause gekommen waren. Wie sie Feuer angemacht hatten, das Essen richtete, wie John mit ihr sprach und dann plötzlich nicht mehr. Immer wieder erinnert sie sich auch an einzelne Kommentare, die er in den letzten Monaten an sie richtete; dass er nach Paris fliegen wolle, weil er nicht wisse, ob er sonst in seinem Leben noch einmal dahin komme.

Während dieser ersten Zeit der Trauer liegt ihre Tochter im Krankenhaus. Immer wieder fragt sie nach dem Vater, erfährt von seinem Tod, um sich am nächsten Tag nicht daran zu erinnern. Nach einer kurzen Phase der Besserung muss sie erneut operiert werden; kurz vor dem Erscheinen dieses Buches stirbt auch sie, ihr Tod ist allerdings nicht mehr ins Buch aufgenommen.

Wer nun aufgrund dieser erschütternden Vorstellung annimmt, "Das Jahr magischen Denkens" wäre ein sentimentales, von Selbstmitleid getränktes Werk, irrt gewaltig. Und gerade diese Abwesenheit von rührseligen Momenten macht dieses Abschiedsdokument umso berührender. Man liest hier, wie ein Mensch versucht, mit seinem Verstand die Gefühle Leid, Verlust und Trauer zu verstehen und damit zu kontrollieren.

Zwischenzeitlich kamen mir, gerade auch weil mich dieses schonungslos ehrliche Buch unheimlich berührt und beschäftigt hat, auch Gedanken wie "darf man seine Trauer so öffentlich machen? Ist es ethisch vertretbar, mit dem eigenen Verlust ein Geschäft zu machen?" - und ganz konnte ich diese Frage für mich bislang auch noch nicht beantworten. Andererseits war die Familie Didion/Dunne von Anfang an an ein öffentliches Leben gewöhnt; Familienfotos wurden regelmäßig veröffentlicht, ihr Leben spielt sich unter Beobachtung ab.

Didion beschreibt, wie sie gegen das Selbstmitleid ankämpft. Wie diese Trauer wirklich eine körperliche Krankheit ist. Ihr Buch ist auch ein Plädoyer dafür, Tod und Trauer wieder mehr im sozialen Leben stattfinden zu lassen.

"Das Jahr magischen Denkens" erzählt von einer Ehe, die glücklich und symbiotisch, aber sicher nicht glatt und unproblematisch war. Didion erzählt auch von den Unstimmigkeiten, vom Schweigen zwischen ihnen - es sind diese Zeichen eines Bestrebens, nichts zu verklären, nichts zu idealisieren, nur weil er tot ist, die für mich den Verlust noch ungeheuerlicher spürbar haben werden lassen.

Dieses Buch hat mich sehr berührt - und ich empfehle es aus ganzem Herzen weiter. Schon so früh im Jahr mein erstes Top-Buch 2007!

Joan Didion

Joan Didion, geboren 1934 in Sacramento, Kalifornien, arbeitete als Journalistin für verschiedene amerikanische Zeitungen und war u. a. Redakteurin der Vogue. Sie hat fünf Romane und zahlreiche Sachbücher veröffentlicht, darunter Das Jahr magischen Denkens. Joan Didion lebt in New York City.

Auszug aus dem Titelverzeichnis / Rezensionen zu weiteren Büchern:


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