Friedrich Christian Delius - Bildnis der Mutter als junge Frau

Originaltitel: Bildnis der Mutter als junge Frau
Roman. Rowohlt Verlag 2006
127 Seiten, ISBN: 3871345563

In einem einzigen, alle paar Zeilen / Gedanken abgesetzten Satz begleitet der Leser eine junge Frau, gerade 21, hochschwanger, auf einem Spaziergang durch Rom.

Die junge Frau ist erst vor wenigen Wochen aus Deutschland nach Rom gekommen, um endlich ihrem Mann näher sein zu können. Eine in Kriegszeiten privilegierte Situation - wir schreiben Januar 1943. Doch schon nach drei Tagen heißt es wieder Abschied nehmen, weil der Soldat nun doch an die Front muss, nach Afrika, und nicht weiter in Rom in der Schreibstube verbleiben darf.

Sie hatten während des Krieges geheiratet, und schon damals war Gert, ihr Mann, gleich danach an die Front, war zu Beginn des Russlandfeldzugs verletzt worden, nicht lebensbedrohlich, aber schwer genug, dass er erstmal nur für leichten Dienst in Frage kam.

Während ihres Spaziergangs durch die fremde Stadt kämpft die werdende Mutter immer wieder mit rebellischen Gedanken; sie hadert damit, dass Gert weg musste, um sich im gleichen Atemzug daran zu erinnern, dass er ja wenigstens in Afrika, nicht im mörderischen, kalten Russland ist, von wo so viele Gefallenenmeldungen kommen.

Sie ist noch so jung, noch so unsicher, so leicht zu beeinflussen, weiß nicht, was sie denken soll und darf, fühlt sich durch ihre Zimmerkollegin am evangelischen Konvent fast irritiert, die auch mal freimütig verbotene Gedanken zu Hitler äußert. Sie weiß nicht, wie sie selbst zur Judenfrage stehen soll, sie die doch so christlich erzogen wurde, deren Mann Theologie studiert hat - und die doch weiß, wie nahe der jüdische Glaube am christlichen ist.

Auch die Gebäude, die vielen steinernen Adler verunsichern sie, die Blicke der Italiener, mit denen sie kaum bis gar keinen Kontakt hat und auch nicht haben will.

Es sind gerade diese manchmal sehr berührend geschilderten Unzulänglichkeiten, die Vorurteile, die im Kopf dieser jungen Frau mit einem erwachenden Unrechtsbewusstsein ringen, die dieses Buch interessant machen.

Auch die Form, in der es uns nahe gebracht wird, diese nur durch Kommata getrennten Gedankensplitter, übt einen eigenartigen Lesesog aus.

Auch wenn nur eine ganz kleine Geschichte erzählt wird, und auch die sich aus vielen kleinen Splittern nur zusammensetzt - diese Splitter empfinde ich als so bildhaft und vorstellbar, dass ich das Gefühl habe, Teile des Weges selbst gelaufen zu sein, und das, obwohl ich mit der Einstellung dieser jungen Frau in so vielen Teilen nicht viel anfangen kann, weil zu unterwürfig, zu lieb, zu sanft, ein wenig vielleicht auch: zu dumm, zu unkritisch.

Doch, es ist ein Buch, das ich gerne weiterempfehle. Eine gewisse Affinität zu Rom machts bestimmt noch reizvoller ;-)

Friedrich Christian Delius

Auszug aus dem Titelverzeichnis / Rezensionen zu weiteren Büchern:


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